„Wir haben abgetrieben“

Wir haben abgetrieben Screenshot Lebendiges Museum Online, bearbeitet

Es begab sich zu einer Zeit, als deutsche Männer noch ihre Einwilligung zur Berufstätigkeit ihrer Frauen gaben, nach Belieben über das Geld auf ihrem Konto verfügen durften, einem Rezept für die Pille ein ausführlicher moralischer Vortrag des Arztes voranging, der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft ein Tabu war und mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafen geahndet wurde, nach einem Gesetz aus dem Jahr 1871. Wohlhabende Frauen fuhren in die Schweiz oder in die Niederlande, weniger wohlhabende riskierten ihre Fruchtbarkeit und Gesundheit bei illegalen Abtreibungen unter zweifelhaften Bedingungen oder im noch zweifelhafteren Selbstversuch oder sie bekamen ihre unerwünschten Kinder. Uneheliche Kinder waren eine Schande, die unverheiratete Frauen und ihre Kinder ständig zu spüren bekamen. Ungewollt schwangere Frauen konnten sich oft niemandem anvertrauen, es gab noch keine Beratungsstellen wie pro familia. Viele 68er waren entgegen landläufiger Kolportage kaum frauenfreundlicher als die katholische Kirche.

Am 6.6.1971, heute vor 45 Jahren erschienen 374 Bekenntnisse „Wir haben abgetrieben“ im Stern, von Alice Schwarzer initiiert nach dem französischen Vorbild im April 1971 in Le Nouvel Observateur. Unter den 343 bekennenden Französinnen waren Jeanne Moreau, Marguerite Duras, Françoise Sagan und Simone de Beauvoir.

Auch in Deutschland beteiligten sich prominente Frauen: Carola Stern, Senta Berger, Veruschka von Lehndorff, Ursula Noack, Romy Schneider, Sabine Sinjen, Vera Tschechowa, Liz Verhoeven, Hanne Wieder. Auch eine Nonne war dabei, sie war nie ungewollt schwanger und hatte nie abgetrieben, sondern unterschrieb – wie viele Lehrerinnen, Hausfrauen, Studentinnen, Arbeiterinnen und Schriftstellerinnen auch – aus Solidarität. Die Frauen wurden per Mundpropaganda gewonnen, mehr als die Hälfte kam aus dem Sozialistischen Frauenbund in Westberlin.

Über Romy Schneider schrieb ein Karikaturist, als Sissi wäre ihr das nie passiert, anderen Frauen wurde unterstellt, sie würden sich nur durch Betten huren wollen, sie seien selbstsüchtige Mörderinnen und Karrieristinnen und hätten gegen die weibliche Natur gehandelt. Alle 374 Frauen riskierten eine Klage, den Verlust ihres Arbeitsplatzes, Scheidung oder Trennung, den Verlust ihres Rufes. Sie hatten allerdings anwaltliche Unterstützung, m.W. wurde nicht eine der 374 Frauen verurteilt.

Es gibt mehr Punkte, als ich hier aufzählen möchte, die gegen Alice Schwarzer vorzubringen wären, aber mit der Initiierung des kollektiven Widerstandes gegen das verlogene Tabu Abtreibung und gegen §218 bewirkte sie die überfällige öffentliche Diskussion und half der Frauenbewegung mit auf den Weg. Frauen jeder Herkunft, jeden Alters und jeder politischen Überzeugung begannen miteinander zu sprechen, sich zu vernetzen und solidarisch zu handeln. Aus dieser Zeit stammt auch die Parole ‚Mein Bauch gehört mir‘ und nicht Männern, dem Staat oder der Kirche. Von vielen Frauen gefordert wurde die ersatzlose Streichung von §218 – zwischen 1974 und 1976 wurde erbittert darüber gestritten – eingeführt wurde schließlich die Indikationslösung, die Straffreiheit bei Abtreibungen in medizinischen, ethischen oder sozialen Notlagen vorsah. Abtreibende Frauen wurden in vielen Krankenhäusern in Betten neben frisch gebackene Mütter und ihre Babies gelegt, sie wurden nicht selten von Ärzten und Krankenschwestern schäbig und grausam behandelt.


 

Ein schlimmer Rückschlag kam 1988/89 mit dem Memminger Prozess: gegen 279 Frauen und 78 Männer wurden Ermittlungsverfahren wegen illegalen Schwangerschaftsabbruchs oder Beihilfe eingeleitet. Die meisten davon endeten mit einem Strafbefehl, nur wenige legten Einspruch ein und riskierten ein öffentliches Gerichtsverfahren, obwohl die meisten der 259 Frauen, die im Vorfeld des Prozesses Strafbefehle erhalten und sich nicht dagegen gewehrt hatten, unnötigerweise gezahlt hatten. Dr. Horst Theissen, der Hauptangeklagte, denunziert von einer ehemaligen Angestellten wegen Steuerhinterziehung und Schwangerschaftsabbrüchen, wurde der Staatsanwaltschaft folgend und nach einem buchstäblichen Hexenprozess (unter anfänglicher Mitwirkung eines Richters, der zuvor seine Freundin zu einer Abtreibung genötigt hatte) zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, außerdem wurde ein dreijähriges Berufsverbot verhängt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil später auf und verwies das Verfahren an das Landgericht Augsburg zurück, weil „aufgrund der vergifteten Atmosphäre in Memmingen ein objektives Urteil nicht mehr gewährleistet scheint“. Dr. Theissen wurde schließlich zu einer zur Bewährungstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt; ein Berufsverbot wurde nicht verhängt, seine Klage wegen der Verwendung seiner Patientinnenkartei wurde vom Bundesverfassungsgericht nicht angenommen.

Es ist wahrscheinlich der Wende und den vielen selbstbewußten DDR-Frauen zu verdanken, daß die Reform des §218 nicht erneut in Frage gestellt wurde.


 

Erst 1995 wurde die Fristenlösung bundesweit eingeführt, nach der Schwangerschaftsabbrüche weiterhin verboten sind, aber straffrei bleiben, sofern Frauen sich mindestens 3 Tage vor dem Abbruch haben beraten lassen, die Abtreibung auf ihr Verlangen und von einem Arzt vorgenommen wird und die Schwangerschaft nicht weiter als bis zur 12. Woche fortgeschritten ist.

Erst 2015 wurde in Deutschland die Pille danach rezeptfrei zugänglich gemacht, zuvor waren polnische und deutsche Frauen dümmer und beratungsbedürftiger als alle anderen Frauen in Europa. In Polen soll die Abtreibungsgesetzgebung weiter verschärft werden (in Polen ist ein Schwangerschaftsabbruch nur nach Vergewaltigung, bei schwerer Behinderung des Fötus oder Gefahr für das Leben der Mutter erlaubt. Nach Meinung der Bischöfe, PiS-Partei und „Lebensschützern“ können auch diese Gründe keine Abtreibung rechtfertigen – was Unterstützung für ungewollt Schwangere durch u.a. Women on Waves nötiger denn je macht) Ein Szenario, das mit dem Erstarken der Rechtsradikalen auch in Deutschland wieder in den Bereich des Denkbaren rückt.

Würde nur ein winziger Bruchteil der Energie, die selbsternannte Lebensschützer für ungeborenes Leben aufbringen, in das Leben bereits geborener Kinder und in ihre Rechte investiert, die Welt wäre ein besserer Ort!


 

In der folgenden arte-Dokumentation berichten auch Frauen, die nicht mit ihren Schwangerschaften und Abtreibungen abgeschlossen haben und immer noch von Notsituationen und schmerzhaften, heimlich und unprofessionell ausgeführten Operationen zehren. Sie betonen, daß selbst die liberalere Gesetzgebung heute nichts am Dilemma schwangerer Frauen ändert, sich in bestimmten Situationen für oder gegen eine Schwangerschaft entscheiden zu müssen.

Niemand ist für Abtreibung. Für die Möglichkeit allerdings, daß Frauen eine ungewollte und unerträgliche Schwangerschaft straffrei beenden können, würde ich mich notfalls auch irgendwo anketten.


Bitte die Texttafeln ignorieren, der YouTube-Kanal ist leider die einzige Fundstelle für die arte-Doku von 2011. Leider sind auch ein paar Löcher in der Tonspur, der Film ist trotzdem sehr sehenswert!

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4 Gedanken zu „„Wir haben abgetrieben“

  1. Michael Gruber, taz: Diese Pillen schickt der Himmel

    Auf der irischen Insel sind Abtreibungspillen nicht legal erhältlich. Normalerweise werden sie im Fall einer Einfuhr vom Zoll beschlagnahmt. Nur wenn das Leben der Schwangeren unmittelbar in Gefahr ist – etwa bei nachweislicher Suizidgefahr – dürfen Frauen ihre Schwangerschaft abbrechen. Nordirland setzt das mit eiserner Hand durch: Dort drohen Frauen lebenslange Haftstrafen, selbst beim Abbruch von Schwangerschaften durch Vergewaltigung oder Inzest – ebenso gilt das für die behandelnden Ärzte. Nordirlands Abtreibungsgesetz klingt nicht nur vorsinnflutlich. Es stammt aus dem Jahr 1861 und gilt als das strengste Europas.

    „Restriktive Gesetze halten Frauen nicht davon ab, sich die Abtreibungspillen per Schiff, per Post oder über das Internet – oder jetzt eben per Drohne liefern zu lassen“, sagt Dr. Rebecca Gomperts von „Women on Waves“. In Kooperation mit „Alliance for Choice“, „Rosa“, der „Labour Alternative“ und anderen NGOs sollte der Drohnenflug auf ein Urteil der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2005 hinweisen. Darin wurden die Abtreibungsmedikamente Mispostrol und Mifepriston, die in den meisten EU-Ländern legal erhältlich sind, zu „unentbehrlichen Arzneimitteln“ deklariert. Per Definition der WHO befriedigen sie damit die „dringlichsten Bedürfnisse“ der medizinischen Grundversorgung. Bis zur zehnten Schwangerschaftswoche können Frauen mit den Wirkstoffen Mispostrol oder Mifespriston eine Abtreibung durchführen.

    „Der Zugang zu diesen unentbehrlichen Medikamenten fußt auf dem Recht auf Gesundheit und wird von zahlreichen Menschenrechtskonventionen garantiert“, schreibt Gomperts in einer Presseerklärung zur Aktion an der irischen Grenze. Bereits im Sommer 2015 hatte „Woman on Waves“ einen Drohnenflug zwischen Deutschland und Polen durchgeführt, um auf die strikten Abtreibungsgesetze mancher EU-Länder aufmerksam zu machen. Die NGO steuert mit einer schwimmenden Abtreibungsklinik seit Jahren auch die Küsten Afrikas an.

    Iren im Norden wie im Süden spaltet die Abtreibungsfrage nicht nur in legaler Hinsicht. Der Schwangerschaftsabbruch unter ärztlicher Aufsicht ist auch eine Frage des Wohlstands. Rund 60.000 Schwangere sind nach Schätzungen von Amnesty International seit 1970 ins benachbarte England gereist. Die Abtreibung in englischen Privatkliniken kosten oftmals 400 bis 2.000 Pfund, der Preis hängt von der Schwangerschaftswoche ab. Diesen Konflikt sollte der Drohnenflug verdeutlichen: „Wir zeigen heute, dass die Pille auch für Frauen verfügbar ist, die sich eine Abtreibung im Ausland nicht leisten können“, sagte Courtney Robinson von der „Labour Alternative“, einer linksliberalen Parteibewegung aus Belfast, die den Drohnenflug mitorganisiert hat.

    Im April fand dieser Konflikt mit dem Fall einer 21-jährigen Nordirin wieder verstärkte Aufmerksamkeit in Nordirland. Die Frau führte eine Abtreibung mit Pillen durch, die sie per Internet bestellt hatte – weil eine Reise nach England für sie unerschwinglich gewesen sei. Im April hat sie Belfaster Gericht zu einer dreimonatiger Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Frau habe ein „Gift“ importiert, mit der Absicht, eine „Fehlgeburt“ auszulösen, heißt es in der Begründung des Gerichts.

    Kritik kam selbst von den englischen Nachbarn. Die britische Schwangerschaftsberatung BPAS sprach von „drakonischen Abtreibungsgesetzen“ und rief dazu auf, die „antiquierten, viktorianischen Gesetze zu refomieren“ und sie „fit für Frauen im Jahr 2016“ zu machen. Das britische Gesetz von 1967, das Abtreibungen zulässt, ist in Nordirland nie ratifiziert worden.

    Zum Jahreswechsel gab es für Abtreibungsbefürworter in Nordirland dennoch Anlass zur Hoffnung. Im Dezember 2015 stellte der Oberste Gerichtshof fest, dass Nordirlands Abtreibungsgesetz gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt. Das Urteil ging auf eine Initiative der nordirischen Menschenrechtskonvention zurück. Über eine Änderung müsste dennoch das Regionalparlament entscheiden – doch will kein Abgeordneter das britische Abtreibungsgesetz auf Nordirland ausweiten.

    Justizminister David Ford legte inzwischen Beschwerde gegen das Urteil ein. Die gesetzliche Unsicherheit könne in eine „Abtreibung per Knopfdruck“ ausarten, so seine Befürchtung. Das Ministerium habe sich bereits 2015 ausführlich mit dem Problem fetaler Anormalien und Schangerschaften durch sexuelle Gewalt beraten, sagte Ford der BBC. „Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es keinen einfachen Weg gibt, im Nachhinein eine sexuelle Gewalttat nachzuweisen.“

    Ähnlich blockiert Irland eine Liberalisierung: Die Forderung nach einem Referendum zur Änderung der rigiden Gesetzeslage prallten dort an der Regierung ab. Bei einer Demonstration im Herbst letzten Jahres protestierten 10.000 Iren gegen den Abtreibungsparagraph in der Verfassung, der 1983 per Volksentscheid gebilligt worden war. Der Tod einer schwangeren Inderin ließ das Thema im November 2013 wieder in der Öffentlichkeit hochkochen. Sie starb in der Klinik einer irischen Kleinstadt an einer Blutvergiftung, weil die Ärzte sich weigerten, ihren nicht lebensfähigen Fötus zu entfernen.

    „So lange Politker in Stormont und Dáil (Irisches Parlament) weiterhin unsere Menschenrechte missachten, werden wir unsere Kampagne fortsetzen“, sagt Courtney Robinson, die an der nordirischen Burgruine Narrow Waters Castle eine Tablette schluckte, umjubelt von dutzenden AktivistInnen. Ob sie tatsächlich schwanger war oder die Pillen echt, das ließen die NGOs bewusst offen. Dies sei eine Frage der ärztlichen Schweigepflicht, erklärten die Frauen. Oder noch kürzer: Privatsache.

  2. dieStandard: Zweiwöchiger Antiabtreibungsmarsch durch Westösterreich

    „Jugend für das Leben“ will damit Stimmung gegen Schwangerschaftsabbrüche machen. Zumindest was die Kostenübernahme für Abtreibungen betrifft, gehört Österreich jedoch sowieso zu den EU-Schlusslichtern

    Die Initiative „Jugend für das Leben“ startet am Samstag, dem 20. August, ihren diesjährigen „Pro-Life-Marsch“, dessen Teilnehmer innerhalb von zwei Wochen zu Fuß von Innsbruck nach Bregenz ziehen werden. Die religiöse Wanderung, für die auch Kardinal Christoph Schönborn eine Empfehlung abgab, wird von Messen des Salzburger Weihbischofs Andreas Laun begleitet. Öffentliche Veranstaltungen, in denen gegen Abtreibungen Stimmung gemacht werden soll, werden fast täglich stattfinden.

    „Jugend für das Leben“ wolle mit dem Marsch „die westlichen Landesregierungen und die Bevölkerung in ihrem Standpunkt bestärken, keine Abtreibungen an Landeskrankenhäusern einzuführen“, so die Sprecherin Carina Eder. An den Landeskrankenhäusern in Tirol und Vorarlberg werden keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Nur in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark und Wien bieten einzelne öffentlich-rechtliche Krankenhäuser Abtreibungen an.

    In Innsbruck und Bregenz gibt es je einen Arzt, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Auch gegen diese beiden Mediziner richtet sich der Marsch. Auf der Homepage von „Jugend für das Leben“ heißt es dazu: „Wir wollen diesen Ärzten zeigen, dass kein Arzt abtreiben sollte und dass bei jeder Abtreibung ein Kind stirbt.“

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