Lieder. Nelken. Verkaufte Freiheit

nelkenrevolution

Foto: I, Yakovlev Sergey, Wikimedia Commons, gemeinfrei, beschnitten

Thomas Schmid, 2004, Die Zeit: Mit einer Nelke im Gewehr

Das Signal zum Aufstand gibt ein leises Liebeslied. „Ich wollte wissen, wer ich bin, was ich hier tu, wer mich verlassen hat, wen ich vergessen habe“, singt Paulo de Carvalho am 24. April 1974 nachts um 22.50 Uhr in einem portugiesischen Rundfunksender, „du kamst in Blumen gekleidet, ich habe dich entblättert, du gabst dich der Liebe hin, ich gab dir nichts…“ Es ist das Zeichen für den Beginn der militärischen Operationen. Doch nicht Carvalhos Lied E depois do adeus (Nach dem Abschied) geht in die Annalen ein, sondern Grândola vila morena (Grândola, braune Stadt), der populäre Song von Zeca Afonso über das Landstädtchen hundert Kilometer südlich von Lissabon, wo die lehmigen Straßen so braun sind wie die sonnengegerbten Gesichter der Landarbeiter. Das Lied erklingt eine halbe Stunde nach Mitternacht, es ist eine verschlüsselte Botschaft: Der Aufstand hat begonnen. „In dir, oh Stadt, regiert das Volk“, heißt es in Afonsos Lied, dessen Melodie vom Geräusch im Gleichschritt marschierender Menschen untermalt wird, „Land der Brüderlichkeit, an jeder Ecke ein Freund…“


 

Die Diktatur in Portugal hatte 1926 begonnen, als General Vítor Gomes da Costa die demokratische Regierung beseitigte, die auf den Untergang der Monarchie im Jahre 1910 gefolgt war. 1932 setzten die Militärs António Salazar als Ministerpräsidenten ein, der bis zu seinem Sturz 1968 das Land mit diktatorischer Gewalt regierte. Es war ein Sturz im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Stoffbespannung seines alten Liegestuhls riss, der 79-Jährige ging zu Boden und erlitt eine Hirnblutung. Nach einer Operation folgte ein Schlaganfall, der ihn für den Rest seiner Tage, bis zu seinem Tod zwei Jahre später, lähmen sollte. Salazars Nachfolger Marcello Caetano zeigte sich liberaler, letztlich aber verkörperte er nur die Kontinuität des alten Regimes. Zwar waren jetzt politische Vereinigungen zugelassen, Parteien jedoch blieben verboten. Es gab Wahlen, die allerdings staatlich behindert wurden, und die gefürchtete Geheimpolizei formierte sich, kaum aufgelöst, unter anderem Namen gleich wieder neu.

Unvermögen bewies Caetano auch in der Außenpolitik. Portugal, die älteste Kolonialmacht Europas, besaß mit Angola, Mosambik und Guinea-Bissau in Afrika noch große Territorien, als England und Frankreich, ihre Besitzungen dort schon längst in die Unabhängigkeit entlassen hatten. In der ersten Hälfte der sechziger Jahre formierte sich bewaffneter Widerstand; er verstrickte das kleine Portugal in einen Krieg, der schließlich die Hälfte des Staatsbudgets auffraß. Das Land, das damals etwa neun Millionen Einwohner zählte, unterhielt 1974 eine Armee von 200.000 Mann, von denen 150.000 in Afrika im Einsatz waren. Alle jungen Männer hatten einen vierjährigen Militärdienst abzuleisten, zwei Jahre davon in Afrika. Umgerechnet eine Million Euro kostete der Krieg täglich. Die einstige Weltmacht Portugal hatte sich in ein Armenhaus verwandelt: Nirgendwo im westlichen Europa war die Kindersterblichkeit höher, gab es mehr Analphabeten, wanderten mehr Menschen aus als hier.


 

(mit englischen Untertiteln)


 

Auch in der Gesellschaft fand nun eine Radikalisierung statt. Tagelöhner besetzten Landgüter, Arbeiter sperrten unliebsame Fabrikdirektoren ein, Betriebe wurden enteignet. Studenten setzten reaktionäre Professoren ab, Golfklubs waren jetzt für alle geöffnet und Privatstrände abgeschafft. Überall in Portugal wehten die roten Fahnen. Im Kreml horchte man auf. Aeroflot richtete hoffnungsfroh eine Linie Moskau–Lissabon–Havanna ein, und auf den Demonstrationen in der portugiesischen Hauptstadt verkündeten Spruchbänder auf Deutsch: „Portugal darf nicht das Chile Europas werden“ oder: „Gegen Nato, Ford und Schmidt – revolutionärer Kampf!“

Die Disziplin in der Armee erodierte rapide. Portugal stand am Rand eines revolutionären Umbruchs oder am Rand eines Bürgerkriegs. Da dekretierte Staatspräsident Costa Gomes den Belagerungszustand. Regierungstreuen Truppen gelang es schließlich, die Meuterei unter Kontrolle zu bringen und die aufständischen Soldaten festzunehmen. Otelo Saraiva de Carvalho, der Stratege der Nelkenrevolution, der Führer der linksradikalen MFA-Fraktion und Kommandant der Truppen von Lissabon, wurde vom Revolutionsrat kaltgestellt. Ein neuer Putsch, diesmal von links, war gescheitert.

 


 

Zeca Afonso aber, dessen Grândola vila morena einst, in jener Aprilnacht des Jahres 1974, zur Losung der Freiheit geworden war, konnte, wie so viele Revolutionäre, seine Enttäuschung über den Weg, den sein Land einschlug, nicht verhehlen. In einem der letzten Lieder vor seinem Tod 1987 dichtete er bitter: „Es ist kein Leben möglich / In der verkauften Freiheit. / In der verkauften Freiheit / bleibt nur der Tod.“

 

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5 Gedanken zu „Lieder. Nelken. Verkaufte Freiheit

  1. Danke für die Erinnerungsnote. Ein etwas abseitiges Anhängsel: Der Vater eines Kindergartenfreundes war Kubaner, der die Militärintervention seines Landes in Angola ab 1975 dazu nutzte, sein Gewehr wegzuwerfen und sich vom Südwesten Afrikas aus in Richtung Europa aufzumachen. In der BRD wurde ihm dann – vermute ich, meine Erinnerung ist lückenhaft – Asyl gewährt.

    Und dann wird mir auch jetzt wieder deutlich, dass sich mir die Welt am ehesten in Romanform erschließt. Wenn ich an die Diktatur in Portugal denke, kommt mir sofort Sostiene Pereira von Antonio Tabucchi in den Sinn, auch wenn die Handlung dort rund 40 Jahre vorher angesiedelt ist.

    Gruß, d.

    • Das ist kein abseitiges Anhängsel und danke für den Buchtip!
      Weil: ohne Geschichte erklärt sich keine Gegenwart und gibt es keine bessere Zukunft.

      Ihr Anhängsel ist ebensowenig abseitig, wie sich der Bürgerkrieg zwischen Frelimo und Renamo seit geraumer Zeit wiedererwärmt und Zehntausende Mozambiquis nach Malawi geflohen sind.

      Die Portugiesen zerstörten bei ihrem Abzug im Zuge der Nelkenrevolution viele Infrastrukturen und Gebäude und hinterließen eine geknechtete, wenig gebildete und schwer beeinträchtigte Gesellschaft.

      Der darauf folgende Bürgerkrieg war eine geradezu logische Folge der portugiesischen Kolonialherrschaft, der in Verbindung mit schlimmem Hunger und Landminen ohne Ende zu einer gesamtgesellschaftlichen Traumatisierung vor allem im bitterarmen Norden führte. Das ist spürbar bis heute: Kinder werfen reflexhaft mit Steinen nach Ratten, nicht zur Bekämpfung von zuviel Ratten, sondern als mögliche Fleischeinlage.

      Mozambique ist außerdem vom Klimawandel heftig betroffen, Beispiel Beira. Was durch El Nino in diesem Jahr extrem verschärft ist: im Norden hat es überreichlich geregnet, weiter im Süden sind große Landesteile von der Dürre betroffen, die seit Jahren halb Ostafrika heimsucht. Theoretisch gäbe es wahrscheinlich genug Nahrung für das ganze Land, die Infrastrukturen sind aber so lausig und die Nahrungsmittelsicherung so schlecht organisiert, daß die Getreideüberschüsse aus dem Norden nicht einfach in die von der Dürre betroffenen Gegenden gebracht werden, sondern das World Food Program sie per Containerschiffen einsammelt, um sie vermutlich noch in diesem Jahr als WFP-Lieferungen in die Dürre-Regionen zu bringen.

      Dazu kommt Bad Governance auf allen Ebenen, z.B. wurde kürzlich bekannt, daß die Regierung dem IWF rund eine Milliarde Dollar Schulden verschwiegen hat, was zur Blockade dringend benötigter Gelder führen kann.

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