Kartoffeln im Vormärz

Kartoffeln Sturm auf die Kartoffelstände, Lithografie von Vinzenz Katzler (1823–1882)

Bekanntmachung

Seit gestern ist unsere Stadt Zeuge der strafbarsten Exzesse. Sie erfüllen den ruhigen Bürger mit Entrüstung, zugleich aber mit großer Besorgnis. Wenn auch die Not des Augenblickes schwer auf vielen Einwohnern unserer Stadt lastet: die Kommunalbehörden müssen sich das Zeugnis geben, alles, was zu tun möglich und notwendig war, mit den gutgesinnten Einwohnern der Stadt gemeinschaftlich getan zu haben, um diese Not allen unseren bedrängten Einwohnern zu erleichtern. Es ist schon früher beschlossen, auch ferner dafür zu wirken, soweit die Mittel der Stadt reichen. Wir haben die sichere Hoffnung, daß die Preise der notwendigsten Lebensbedürfnisse den höchsten Punkt erreicht haben, und daß eine Steigerung nicht zu fürchten, wohl aber eine Ermäßigung dieser Preise sicher zu hoffen steht. Ein unerläßliches Erfordernis hierfür ist aber, daß die Produzenten mit ihren Erzeugnissen nicht von den Märkten zurückgehalten werden durch die Furcht: ihr Eigentum der sicheren Gefahr der Vernichtung auszusetzen.

Mitbürger unserer Stadt!

An Sie richten wir unser Wort, von Ihnen hängt es ab, dahin zu wirken, daß jedem, dem Ihre Worte zugänglich sind, es klar werde, wie Bosheit, Arbeitsscheu und die Lust an der Vernichtung des Eigentums und Gefährdung der Ruhe und Sicherheit der Stadt die Exzesse hervorrufen, ihnen Nahrung gibt, und alle ruhigen Einwohner mit in das sichere Verderben reißt, und daß der betretene Weg der Unordnung die Not nicht lindern kann, vielmehr sie bis zur äußersten Grenze steigern muß.

 

Mitbürger unserer Stadt!

Wirken Sie mit uns dahin, jeder in seinem Kreise, daß die aufgeregten Gemüter beruhigt, die besonnenen Herr ihrer Ruhe bleiben und daß der Mutwille und die Bosheit in der ruhigen Haltung der ordnungsliebenden Einwohner unserer Stadt ihr Ende finden.

Berlin, den 24.April 1847
Oberbürgermeister, Bürgermeister und Rat hiesiger königlicher Residenzien

Das Datum ist irreführend, weil es im Probedruck schon für den Tag der vorgesehenen Publikation eingesetzt wurde. Tatsächlich muß der Text am 23. April 1847 verfaßt worden sein. Der Berliner Magistrat hinkte auch damals schon hinter den Ereignissen her, denn am 24. April war die Kartoffelrevolution bereits militärisch niedergeschlagen.

Es begab sich zu Berlin, daß 1846 nicht nur die Getreide-, sondern auch die Kartoffelernte sehr schlecht ausgefallen war, Kartoffeln waren das Grundnahrungsmittel der Armen. Der Preis für eine Metze (2-2,5kg) lag üblicherweise bei 1 Silbergroschen. Durch die Mißernte stieg er im Januar 1847 auf 3, bis Mitte April auf 5 Silbergroschen, was mindestens der Hälfte, eher drei Viertel eines schlecht bezahlten Tagelöhnersatzes entsprach.

Arbeiter verdienten nur in seltenen Fällen mehr als 10-15 Silbergroschen pro Tag, also mehr als 300-450 Silbergroschen pro Monat. Die Kosten für Schlafstelle und Nahrung allein betrugen aber für eine vierköpfige Familie bereits 9-10 Taler im Monat, Kleidung nicht eingerechnet (1 Taler = 30 Silbergroschen) Höhere Löhne zu zahlen oder die Arbeitszeit zu verkürzen (12-19 Stunden) wurde nicht für nötig befunden, standen doch durch die Armutsflucht vom Land stets mehr als genug Arbeitskräfte in Berlin zur Verfügung. Die pauperisierte Mehrheit verdiente deutlich weniger und fand auch nicht jeden Tag Arbeit.

Im Herbst 1846 hatte der Berliner Magistrat (verantwortlich für knapp 400.000 Berliner, seit 1800 ein Bevölkerungszuwachs von 230%) eine Petition an König Friedrich Wilhelm lV. gerichtet, Getreideexporte und die Verwendung von Kartoffeln zum Schnapsbrennen zu verbieten, was nicht nur abschlägig beschieden (Was erlauben?! Befugnisse weit überschritten!), sondern auch erst im April 1847 der Einfuhrzoll für Getreide und Mehl gesenkt wurde. Zwei Entscheidungen ganz nach dem Einfluß und Geschmack der ostelbischen Großgrundbesitzer, an denen auch die Bauern aus dem Berliner Umland partizipieren wollten.

Medial geschürte Gerüchte, der Kartoffelpreis würde potzöberlich auf 2 Silbergroschen festgelegt, dementierte die Polizei: man habe nicht die Absicht, sich in den freien Handel einzumischen.

Eine Händlerin auf dem Gendarmenmarkt erhöhte am 21. April – ebenso wie andere Verkäufer – ihren Kartoffelpreis erneut und erfreute ihre Kundinnen außerdem mit der Bemerkung, sie sollten in Zukunft froh sein, wenn sie immerhin Heu kaufen könnten.

Die zornigen Arbeiterfrauen bemächtigten sich ihrer Kartoffelsäcke und versorgten sich ohne Bezahlung. Ähnliche Szenen spielten sich auf dem Molkenmarkt und dem Dönhoffplatz ab, wo Marktstände zerstört und Händler bedroht wurden. Die jeweils zwei Marktpolizisten waren machtlos.

Zum Donnerstags-Wochenmarkt auf dem Alexanderplatz am 22. April blieben die Händler aus. Es sammelten sich aber auch an anderen Plätzen vor allem Bewohner der bitterarmen Vorstädte. Bäckereien und Fleischereien in den Nebenstraßen wurden geplündert. Die preußische Militärverwaltung, die sich am Mittwoch noch nicht zuständig gefühlt hatte, schickte Soldaten und ließ zahlreiche Verhaftungen vornehmen. Empörte Demonstranten entglasten daraufhin einige Fenster im Kronprinzenpalais, Wohnsitz von Prinz Wilhelm von Preußen, der Befehlshaber des Gardekorps und spätere Kaiser Wilhelm I.

Am 23. April stand die Stadt unter Militärkontrolle, auf den Marktplätzen dieses Freitags (Gendarmenmarkt, Dönhoffplatz und Neuer Markt) so gründlich – alle 20 Schritt ein Soldat – daß sich auch die Händler wieder einfanden. Der Magistrat bot überraschend Kartoffeln zum Preis von 2½ Silbergroschen je Metze an, wodurch sich die Lage wieder beruhigte.

Etwa hundert Teilnehmer an den Unruhen wurden zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt (und viele von ihnen ein halbes Jahr später im Rahmen einer Amnestie anläßlich des Königsgeburtstages freigelassen). Am schlimmsten traf es den 32-jährigen Arbeiter, Vater von zwei Kindern, J. K. G. Höft: weil er einen Offizier geschlagen und einen Soldaten entwaffnet hatte, wurde er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ein Jahr später ging der Vormärz in den März über.

Parallelen zu Brotpreisen und zur Initialzündung des ägyptischen Frühling sind nicht nur beabsichtigt, sie liegen auf der Hand. Nur hieß der König nicht Friedrich Wilhelm, sondern Mubarak (jetzt Al-Sissi) und das Militär dominiert auch die Wirtschaft.

Auf die Konsequenzen der Dürre in halb Ostafrika, wer den Magistrat, wer den König, wer das Militär gibt und ob Geburtstagsamnestien verfügt werden, darf man noch gespannt sein. Um dem noch zuvorzukommen, wäre es allerhöchste Eisenbahn.

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3 Gedanken zu „Kartoffeln im Vormärz

  1. Was dem Berliner die Kartoffel, war dem Münchner schon 1844 sein Bier (Brot und Kartoffeln sind Beilagen, also wurscht, aber beim Bier hat der Spaß ein Loch). Vergleiche Bierpreiserhöhung des bayerischen Königs Ludwig I. im März 1844. Mit dem Unterschied:
    das herbeigerufene Militär verweigerte jedoch alle Befehle, gegen die Aufständischen vorzugehen, weitere Maßnahmen gegen die Aufständischen verliefen fruchtlos….
    Am 5. März 1844 lenkte der König schließlich ein und die Bierpreiserhöhung wurde zurückgenommen, im Oktober 1844 ging er sogar noch weiter und verfügte für das Münchner Hofbräuhaus eine Herabsetzung des Bierpreises „um dem Militär und der arbeitenden Klasse einen gesunden und wohlfeilen Trunk zu bieten.“ Das Bier kostete von da an 5 statt bisher 6 1/2 Kreuzer.

    Friedrich Engels dazu:
    Wenn das Volk einmal gelernt hat, dass es der Regierung im Falle ihres Steuersystems Angst einjagen konnte, dann wird es schnell erkennen, dass es eben so einfach ist, ihr auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren
    Ostafrikas Bevölkerung hingegen wird es – globalisiert – nicht selber und alleine richten können.
    Grüßle, Diander

    • das herbeigerufene Militär verweigerte jedoch alle Befehle

      Ist nicht so schwer zu verstehen, warum vielen die Bayern sympathischer sind als die Preußen…;-)…
      Danke für die interessante Ergänzung, lese ich morgen in Ruhe, Grüße!

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