Gebärmütter

„Der Fötus ist sozialisiertes Eigentum der ganzen Gesellschaft.“

(Nicolae Ceausescu)

 

Polens Ministerpräsidentin Beata Szydło hat sich für eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes ausgesprochen. Betrieben wird der Gesetzesvorstoß, das ohnehin strenge polnische Abtreibungsgesetz noch zu verschärfen, von der Organisation „Pro Prawo do Zycia“ („Recht auf Leben“).

Ein Schwangerschaftsabbruch soll nur noch dann möglich sein, wenn das Leben der Schwangeren bedroht ist, jede Zuwiderhandlung soll mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Die Initiatoren sammelten bereits mehr als 100.000 Unterschriften und werden ihr Bürgerbegehren ins polnische Parlament einbringen.

Bedauerlicherweise beschränkt sich das Engagement selbsternannter „Lebensschützer“ nur auf ungeborenes Leben. Was aus ungewünschten Kindern und zu Gebärmaschinen degradierten Frauen wird, wie deren Lebensumstände und -perspektiven sind, ist „Lebensschützern“ wenig Aufmerksamkeit und kein Engagement wert. Würden sich „Lebensschützer“ mit nur der halben Energie, die sie auf Frauenentmündigung aufwenden, den Menschenrechten bereits geborener Kindern widmen – die Welt wäre ein besserer Ort!


 

In Rumänien verreckten im Rahmen des Dekret 770 mindestens 11.000 Frauen in Folge illegaler Abtreibungen – so die offizielle Statistik, die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen. In den 23 Jahren des Verhütungs- und Abtreibungsverbotes wurden 2 Millionen „Dekretkinder“ geboren, unter denen Auslese getroffen wurde: die Hübschen und Talentierten wurden zu „Sternen unserer Zukunft“ und „Falken unseres Vaterlandes“ herangezogen, Wunderkinder standen hoch im Kurs.

Die Kehrseite des Gebärzwanges war die schwarze Nacht der Zivilisation, die Entsorgung unerwünschter, kranker, behinderter Kinder und der Kinder von Roma in Kinder-Gulags wie Cighid, Coltesti, Plataresti, Abrud (den Artikel sollte man ganz lesen).

„Bis zum Jahr 2000 müssen wir zu einem 30 Millionen Volk werden.“ Frauen, die es auf zehn Kinder brachten, wurden als „Heldenmütter“ geehrt. Als Gebärsoll pro Familie waren fünf festgelegt. Die Staatsmacht schnüffelte mit Fragebögen im Intimleben der Paare, gynäkologische Pflichtuntersuchungen machten transparent, welche Gebärmutter gefüllt war. Auf Abtreibung stand Gefängnis. „Der Fötus“, so sprach Ceausescu, „ist sozialisiertes Eigentum der ganzen Gesellschaft.“

Unter diesem System, das seine Spitzel selbst auf die Leibesfrüchte ansetzte und Schwangere geradezu dahin trieb, an sich selbst herumzupfuschen mit dem Fehlschlag beschädigter Embryonen, bei einem Schwarzmarkt voller verfallener Antibabypillen aus dem Westen mit schädigender Wirkung, in einer Gesellschaft, die ihre vielen Mißstände im Alkoholismus ertränkt, in einem Hungerland, wo unterernährte Frauen unterentwickelte Babys nur noch unterernähren konnten und selbst Kranke ihren kranken Nachwuchs gegen ihren Willen zur Welt bringen mußten – in diesem Rumänien war die Produktion von Kindern ohne Chance automatisch gegeben.

Massenhaft wurden behinderte Kinder geboren, massenhaft auch „Sterne unserer Zukunft“ von ihren Eltern in Sozialwaisenhäuser abgeschoben. Immer neue Inseln entstanden im Archipel der Bewahranstalten für nicht gewollte Kinder.

Die Stärksten griff sich das Ehepaar Ceausescu, ließ ihnen die beste Ausbildung zukommen und formte sich nach seinem Abbild die grausame Präsidentengarde, „Falken unseres Vaterlandes“ genannt. Nach dem Chef rekrutierte die Securitate ihren Nachwuchs aus den Häusern der verlassenen Kinder.

Die Schwachen dagegen, die Kinder mit den Geburtsfehlern, die Kinder mit den Entwicklungsschäden durch Unterernährung, die Kinder mit den chronischen Krankheiten, wurden von Ärztekommissionen selektiert, ob sie noch für den Staat zu retten waren oder nicht. Ganz Rumänien war … von solchen Kommissionen durchzogen, jeder der 39 Kreise hat so ein Gremium, das Kinder bereits mit drei Jahren sortiert. Wer den Intelligenzquotienten 30 nicht bringt, wird ausgesondert für ein Endlager, etwa für Cighid. Securitate oder Cighid – zwei Seiten eines Prinzips.

… In Cighid wird das Tötungstabu formal respektiert. Cighid ist der Name für Euthanasie durch die Verhältnisse. …

Cighid ist die Aufbewahrungsanstalt für die Ausgemusterten allein des Kreises Bihor. Cighid aber ist der Name für ein überall obwaltendes System.


 

Ceausescus Rechnung ging nicht auf. Fast alle Soldaten aus dem Exekutionskommando, das das Ehepaar Ceausescu an Weihnachten 1989 erschoss, waren Dekretkinder.

Eine der ersten Amtshandlungen der neuen sozialdemokratischen Regierung ist die Aufhebung von Dekret 770. Abtreibung auf Anfrage ist damit legal – und wird sofort in Anspruch genommen: Die Rate der legalen Abtreibungen explodiert förmlich von 20 im ersten Jahr auf über 160 im zweiten, ehe sie schon im dritten Jahr wieder massiv sinkt. Sie ist aber bis heute eine der höchsten in Europa. Offizielle Statistiken gehen davon aus, dass 1990 noch 177,6 Abtreibungen pro 1000 Frauen zwischen 15 und 49 vorgenommen wurden, 2001 waren es noch 34. In Österreich sind es aktuell ca. 14 Schwangerschaftsabbrüche pro 1000 Frauen zwischen 14 und 45 Jahren.

Heute ziehen Forscher_innen gleich mehrere Schlüsse aus dem rumänischen Fall: Personen, die abtreiben wollen, lassen sich auch durch restriktive Gesetze nicht davon abhalten. Der Anspruch des Staates auf den schwangeren Körper führt dazu, dass betroffene Personen eigene – wenn notwendig illegale und gefährliche – Mittel und Wege finden, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen, das belegen die Zahlen aus Rumänien eindeutig.

Die himmelhohe Abtreibungsrate in Rumänien läßt sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf das jahrelange Verhütungsverbot zurückführen. Überall da, wo Zugriff auf bezahlbare Verhütung besteht, deren Anwendung vermittelt wird und Schwangerschaftsabbrüche straffrei bleiben, sind die Abtreibungsraten niedrig.

Frauen haben immer schon, in jeder Kultur und zu allen Zeiten unerwünschte und unerträgliche Schwangerschaften beendet. Der Grad der Zivilisation mißt sich auch daran, unter welchen Umständen sie das tun müssen. Niemand ist für Abtreibung. Wohl aber für das Recht, eine Schwangerschaft im Notfall straffrei und unter bestmöglichen hygienischen und medizinischen Bedingungen beenden zu können. Wem das nicht passt, der sollte sein Bild von Mutter Natur überprüfen und muß sich dann eben bessere Frauen backen oder am Homunkulus nach Paracelsus arbeiten.

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2 Gedanken zu „Gebärmütter

  1. Der guten Ordnung halber, hab den Titel gekürzt.

    Und eine Leseempfehlung, Alexandra Kimball in The Globe and Mail: The silent, secret grief of miscarriage
    Es geht darin um das Ende einer gewollten Schwangerschaft in der 10. Woche (im Deutschen gibt’s dafür nicht mal ein Wort, „Abgang“, trifft auf Kimball nicht zu, ebenso wenig „Fehlgeburt“, dafür wäre die 10. Woche auch zu früh, oder?), um Trauer, Myome, Feminismus, um Geheimnisse, Tabus und um die komplizierten Wechselwirkungen zwischen Körper, Seele, Biologismen, Medizin, Gesellschaft und Rollen.
    Ein kleiner Ausschnitt:

    There was no distinction between a fetus lost in utero and a child who died after birth for the ancient Hindus, who buried their miscarried and guided the bereaved through ritual post-death cleansing. Before Europeans colonized New Guinea, natives held naming ceremonies for babies lost to miscarriage; the entire community would attend a memorial service to honour the loss. In modern Japan, couples who miscarry still practise a rite called mizuko kuy – literally, a fetus memorial service, in which the bereaved make offerings to Jizo, a Bodhisattva who watches over the souls of children.

    But for us, miscarriage is a solo and secretive happening. Women miscarry alone, isolated by the 12-week rule: Don’t announce your pregnancy until the second trimester. The thinking here is sensible. One in four pregnancies ends in miscarriage; most in the first three months. A woman who does not announce her early pregnancy will not have to announce its loss. She can move on in privacy, as if it never happened.

    This is the language doctors use: in privacy. “I’ll give you two some privacy.”

    Privacy vs. secrets. If privacy is about covering information too precious to share, secrecy is about withholding something dangerous. The Romans painted roses on the ceilings of their banquet halls to remind diners that what was spoken there should stay there. Sub rosa, the Latin term for “under the rose,” means “in secret.” The symbol comes from Aphrodite, the goddess of fertility and motherhood. She gave a rose to her son, Eros, which he used to bribe Harpocrates, the childlike god of silence, in exchange for keeping quiet about her sexual indiscretions. In their world – which became ours – the first secret was the one between a woman and a child, infused with the danger of her sex.

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