Was ist Rassismus?

rassismus
Screenshot azquotes

Es macht Schwierigkeiten, eine Definition des Rassismus zu finden, die allgemein akzeptiert wäre. Das ist zumindest erstaunlich bei einem Gegenstand, der so häufig und auf so unterschiedliche Weise aufgegriffen worden ist. Die Gründe für diese Schwierigkeiten werden verständlicher, wenn man sich vor Augen hält, daß das Fundament des Rassismus, d.h. der auf den Menschen angewendete Begriff der reinen Rasse, unzureichend definiert ist und daß es praktisch unmöglich ist, ihm einen exakt abgegrenzten Gegenstandsbereich zuzuordnen.

Andererseits ist der Rassismus keine wissenschaftliche Theorie, sondern ein Komplex von obendrein zumeist widersprüchlichen Meinungen, die sich keineswegs aus objektiven Feststellungen ableiten und dem, der sie von sich gibt äußerlich sind, zur Rechtfertigung von Handlungen, die ihrerseits der Angst vor dem anderen entspringen sowie dem Wunsch, diesen anderen anzugreifen, um die Angst zu bannen und sich selbst zum Schaden des anderen zu behaupten.

Und schließlich erscheint der Rassismus als der Sonderfall eines allgemeineren Verhaltens: Die Verwendung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede, die aber auch psychologischer oder kultureller Art sein können.

Der Rassismus erfüllt demnach eine bestimmte Funktion. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der Rassismus die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers ist, mit der eine Aggression gerechtfertigt werden soll.

Albert Memmi, Rassismus, Europäische Verlagsanstalt 1992, S. 151

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19 Gedanken zu „Was ist Rassismus?

  1. Und schließlich erscheint der Rassismus als der Sonderfall eines allgemeineren Verhaltens: Die Verwendung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede, die aber auch psychologischer oder kultureller Art sein können.

    Ein sehr erhellendes Buch in dem Zusammenhang und inzwischen ein Meilenstein der Soziologie ist How the Irish became White von Noel Ignatiev aus den 90ern, als die Postmoderne hoch im Kurs und alles relativ war.

    Gruß, d.

  2. Michael Jürgs im Tagesspiegel: Volkes Stimmung, Volkes Stimmen

    Nachdem als Reaktion auf eine Million vor Krieg und Terror geflüchteter Menschen die Alternative für Deutschland in Umfragen mit einem zweistelligen Potenzial auftauchte, glaubten im Bürgertum geschätzte Nachdenker, es habe ihre Stunde als Vordenker geschlagen. Sie verliehen Volkes Stimmungen ihre Stimme und damit eine intellektuelle Fallhöhe: Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijk, Botho Strauß, Reinhard Jirgl. Fühlten sie sich dazu berufen oder waren sie nur beleidigt, weil keiner sie gerufen hatte in den politischen Debatten? Waren ihre Einlassungen nur der Ausdruck verletzter Eitelkeiten alter Männer, denen die Jugend zwischen Blut und Boden im märkischen Sand abhanden gekommen war?

    Botho Strauß warnte vor der „Flutung des Landes mit Fremden“. Rüdiger Safranski vertraute der liberalen Ausschlägen unverdächtigen Zürcher „Weltwoche“ seine Sorgen an, dass sich der Zustand Deutschlands annähere dem zerfallender Staaten wie in Afrika. Dem geschwollen Bocksgesang Sloterdijks, dem die Schließung der Grenzen wie in Ungarn vorbildlich ist, attestierte der Historiker Herfried Münkler in der „Zeit“, solche politischen Ratschläge seien „ein von strategischer Unbedarftheit geprägtes Dahergerede“, die Kollegen Richard David Precht und Harald Welzer warfen ihnen, den „älteren Intellektuellen“, vor, in verzagter Feigheit Ängste zu schüren.

    Eigentlich sollten die nationalkonservativen Tiefgründler wissen, dass sie Volkes Stimmungen durch ihr dunkles Geraune satisfaktionsfähig machen. Eigentlich müssten sie die Schriften von Hans Zehrer, Ernst von Salomon, Friedrich von Sieburg oder Arnold Gehlen kennen, den nationalkonservativen Vordenkern der Hitlerbande.

    Eine verführbare Deutschmasse lässt sich durch Argumente nicht von ihrem Weg abbringen. Ihr Hass auf „die da oben“ in Politik, Wirtschaft, Kultur, ist stärker als die Vernunft. Sobald Dummheit in der Gestalt marschierenden Volkes auftritt, sobald regional begrenzte Enthemmung kippt in nationale Mobilmachung, muss die Zivilgesellschaft aber zu den Waffen greifen. Ihren Waffen. Denen des Rechtsstaates. Angewidert die Straßenseite zu wechseln und die Zähmung der Widerlichen der Polizei zu überlassen, ist feige. – Die Mutter Courage aller Schlachten heißt Zivilcourage.

  3. Wahr gesprochen, jedoch: Der Geist ist widerständig, doch der Mut ist schwach!
    Um’s mit Brecht zu sagen:

    „Dabei wissen wir doch:
    Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
    verzerrt die Züge.
    Auch der Zorn über das Unrecht
    Macht die Stimme heiser. Ach, wir
    Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
    Konnten selber nicht freundlich sein.“

    Oder, um’s in Abwandlung von Brecht zu sagen: Wir, die wir den Boiden bereiten wollten für Zivicourage, konnten selber nicht mutig sein.

  4. Zwei Zitate von Farin Urlaub bzw. den Ärzten:

    „Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie, und halten sich für besser. Oder sie sind bekloppterweise stolz darauf, deutsch zu sein, wozu keinerlei Leistung ihrerseits nötig war.“

    „Du bist wirklich saudumm, darum geht’s dir gut / Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut. Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt. / Höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Attitüde heißt.“

    Grüßle, Diander

    • Letztlich geht es doch um eine Wertebetrachtung und -verinnerlichung. Vor allem diejenigen, die hysterisch den Untergang des Abendlandes und den Verfall der „Deutschen Leitkultur“ herbeihyperventilieren, haben offensichtlich genau damit ein Problem: nämlich die Werte, auf die sie sich so lauthals berufen, tatsächlich zu benennen, geschweige, vorzuleben. Allenfalls handelt es sich um das (leider immer noch hoch virulente) Wertesystem des „hässlichen Deutschen“, das diese Leute antreibt. Dem kann man nur, so weit vorhanden und selbst verinnerlicht, mit dem Wertekanon Menschenwürde, Menschenrechte, Vernunft, Demokratie und auch Barmherzigkeit begegnen.
      Ein Kanon, in den alle überzeugt und aus voller Brust einstimmen können und sollten, die sich einen Rest an Verstand und Anstand, und ja: christlichen Grundwerten bewahrt haben (gilt besonders für die Parteien mit dem großen „C“ im Namen). Es muss ja nicht immer gleich die große Nächstenliebe sein. Respekt genügt schon.

      • Einverstanden. Ich kann ehrlicherweise seit einiger Zeit mit dem Begriff „Werte“, der beliebig von jedweder Seite in Beschlag genommen wird – mit voller Inbrunst, mit unterschiedlichem Hintergrund, unterschiedlichen Werten – nichts anfangen. (Die selbsternannten Werte meiner Schwiegermutter bestehen beispielsweise darin, dass Kind aufstehen und Diener machen sollte, wenn der Herr Pfarrer den Raum betritt :)…) Das entscheidende Wort, das mir eher einfällt, ist neben „Respekt“ oder „Nächstenliebe“ vor allem Empathie. Die Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können, den Perspektivwechsel herstellen zu können, der nötig ist, um zu verstehen, wie groß die Not und das Elend sein muss, um beispielsweise Familie, Kinder von einer maximal lebensbedrohlichen Lage (Krieg, Verhungern, to be continued) in eine statistisch etwas minder lebensbedrohliche Lage (Überfahrt in Nussschale, tbc) zu bringen. Wer diese Empathie nicht aufbringt, hat auch die „Würde des Menschen“ anscheinend nicht begriffen.

        • Ebenfalls einverstanden. Ohne Empathie ist der Mensch ein Monster. Aber zur Entwicklung von Empathiefähigkeit gehört eine innere Haltung (siehe „Attitude“), und die basiert oder wächst nun einmal auf einem Wertesystem und dessen Vermittlung und Verinnerlichung. Genau das ist ja das Problem mit den Werten bzw. konkurrierenden Wertesystemen: der IS-Terrorist rekurriert auf seines ebenso wie eine Frauke Petry, ebenso wie christliche Kreuzzügler ihres als Rechtfertigung ihrer Gräueltaten bemüht haben – selbst die kranke Ideologie der alten und neuen Nazis stützt sich auf ein pervertiertiertes Verständnis „vaterländischer“ Werte. Und selbst ein Hitler war ja keineswegs empathiefrei, wie seine tiefen Gefühle für seine Blondie beweisen.
          Für mich liegt die aktuelle Problematik hierzulande wie anderswo daher genau darin: dass es keinen breiten Wertekonsens gibt, auf den sich unsere neoliberal ausgehöhlte Gesellschaft einigen kann (und will?), um der fortschreitenden Barbarisierung zu begegnen. Denn dazu braucht es Vertrauen. In seine Mitmenschen, in Werte, in Institutionen, in einen funktionsfähigen Staat und in die eigene Leistungsfähigkeit. Und das wurde von der Politik der letzten 30 – 40 Jahre leichtfertig verspielt.

          • Aber zur Entwicklung von Empathiefähigkeit gehört eine innere Haltung (siehe “Attitude”), und die basiert oder wächst nun einmal auf einem Wertesystem und dessen Vermittlung und Verinnerlichung.

            Das halte ich für ein Gerücht. Empathie basiert auf der Erfahrung von Leid (und jede/r hat einen großen Schmerz!) und einer aus dessen Verarbeitung resultierender Entscheidung: ob das eigene Leid zu Egozentrik und zur Legitimierung von Taten oder zu Empathie mit fremdem Leid dient. Das ist eine innere Haltung, die kaum vermittelt werden kann, sondern schon selbst erarbeitet werden muß.

            IS-Terroristen wie Nazis fühlen sich als Opfer und bannen mit ihrer aggressiven Menschenfeindlichkeit ihre Ängste.

            Für mich liegt die aktuelle Problematik hierzulande wie anderswo daher genau darin: dass es keinen breiten Wertekonsens gibt, auf den sich unsere neoliberal ausgehöhlte Gesellschaft einigen kann (und will?), um der fortschreitenden Barbarisierung zu begegnen. Denn dazu braucht es Vertrauen. In seine Mitmenschen, in Werte, in Institutionen, in einen funktionsfähigen Staat und in die eigene Leistungsfähigkeit. Und das wurde von der Politik der letzten 30 – 40 Jahre leichtfertig verspielt.

            Ich bezweifele, daß in unserer hyperindividualisierten Gesellschaft von einem „breiten Wertekonsens“ wegen des Vertrauens in Werte, Institutionen, funktionsfähigen Staat und die eigene Leistungsfähigkeit ausgegangen werden kann. Ohne dem Neoliberalismus seine zerstörerische Wirkung absprechen zu wollen, aber Werte sind eine individuelle Angelegenheit. Und zwar seit der Aufklärung und dem Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung ist keine historische oder gar abgeschlossene Epoche! Würde das begriffen und angewendet, gäbe es den „breiten Wertekonsens“ gratis oben drauf.

            • Das sehe ich anders, werte Dame von Welt:
              „Das halte ich für ein Gerücht. Empathie basiert auf der Erfahrung von Leid (und jede/r hat einen großen Schmerz!) und einer aus dessen Verarbeitung resultierender Entscheidung: ob das eigene Leid zu Egozentrik und zur Legitimierung von Taten oder zu Empathie mit fremdem Leid dient. Das ist eine innere Haltung, die kaum vermittelt werden kann, sondern schon selbst erarbeitet werden muß.“
              Nichts gegen die eigene Erarbeitung von Haltungen und die individuelle Leiderfahrung, aber irgendwo müssen die sich ja verankern.
              Sprich: sie müssen sich auf ein Wertesystem oder eine Erkenntnis beziehen, die gesellschaftlich oder mindestens mikrosgesellschaft akzeptiert oder gewollt ist.
              Insofern wird natürlich auch Empathie erlernt, selbst wenn sie zunächst wahrscheinlich reflexhaft von den meisten empfunden wird. Danach setzt jedoch die gesellschaftliche Zensur ein, und das Indiviuum entscheidet, ob es sich den „Luxus“ von Empathie leistet, oder ggf. sogar gegen gesellschaftliche Erwartungen handelnd, auslebt.
              Oder darauf verzichteet, eben weil es in seinem spezifischen Bezugsrahmen nicht gewollt oder akzeptiert ist.
              Ist tagtäglich zu beobachten (z.b. beim Phänomen der unterlassenen Hilfeleistung).
              „IS-Terroristen wie Nazis fühlen sich als Opfer und bannen mit ihrer aggressiven Menschenfeindlichkeit ihre Ängste.“
              Das ist sicher richtig, dennoch sind sie, hinsichtlich ihres eigenen gesellschaftlichen und privaten Bezugsrahmens, sicher empathiefähig. Sie haben sich lediglich entschlossen, in anderer Richtung keine Empathieregung zuzulassen.

              „Ich bezweifele, daß in unserer hyperindividualisierten Gesellschaft von einem “breiten Wertekonsens” wegen des Vertrauens in Werte, Institutionen, funktionsfähigen Staat und die eigene Leistungsfähigkeit ausgegangen werden kann. Ohne dem Neoliberalismus seine zerstörerische Wirkung absprechen zu wollen, aber Werte sind eine individuelle Angelegenheit. Und zwar seit der Aufklärung und dem Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung ist keine historische oder gar abgeschlossene Epoche! Würde das begriffen und angewendet, gäbe es den “breiten Wertekonsens” gratis oben drauf.“

              Hier sehe ich einen Widerspruch: wenn Werte und die Fähigkeit zur Empathie eine rein individuelle und persönliche Angelegenheit (oder ein Lernprozess) wären, müsste in unserer „hyperindividualisierten Gesellschaft“ ja reichlich davon vorhanden sein. Außerdem gehört zu jedem Lernprozess ein referentielles System. Umgekehrt wird ein Schuh d’raus: Wertesysteme sind gesellschaftlich definiert, die Entscheidung dafür oder dagegen ist in der Tat höchst individuell. Und beide sind natürlich kein statisches Konstrukt, sondern permanentem Wandel unterworfen. Und die Vernunft ist leider ein Auslaufmodell: viel zu anstrengend und zeitraubend, außerdem sterbensfad im Gegensatz zur coolen Action blinder Barbarei

          • Mir erscheint Ihr Standpunkt als ein bißchen arg bequem und als viel zu hoffnungslos.
            So, wie sich Ihre Kommentare lesen lassen, kann als Legitimierung für keine Empathie alles mögliche vom Neoliberalismus über die Barbarei und die gesellschaftliche Zensur bis zum fehlenden gesellschaftlichen Wertekonsens herangezogen werden.
            Wenn das so ist, warum dann überhaupt noch die Anstrengung des unbetreuten Denkens und des fruchtbaren Zweifelns, der Selbstverantwortlichkeit und der möglichst sozialkompatiblen Handlungen?

            • „So, wie sich Ihre Kommentare lesen lassen, kann als Legitimierung für keine Empathie alles mögliche vom Neoliberalismus über die Barbarei und die gesellschaftliche Zensur bis zum fehlenden gesellschaftlichen Wertekonsens herangezogen werden.
              Wenn das so ist, warum dann überhaupt noch die Anstrengung des unbetreuten Denkens und des fruchtbaren Zweifelns, der Selbstverantwortlichkeit und der möglichst sozialkompatiblen Handlungen?“

              Meine Kommentare kann man sicher lesen und interpretieren wie man will, und sicher bin ich alles andere als ein Kulturoptimist. Meine Auffassungen sehe ich jedoch ganz und gar nicht als Freibrief oder Bankrotterklärung, höchstens als Erklärungsmodell für das eigentlich Unerklärliche. Ganz im Gegenteil geht es doch genau darum, den teils eklatanten Gegensatz zwischen unserer gesellschaftlichen Realität und den eigentlich doch sehr bescheiden anmutenden Utopien und Zielvorstellungen (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Aufklärung, Vernunft, etc.) auszuhalten, und für sich individuell die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn, noch einmal: Diese persönliche Entscheidung nimmt einem niemand ab, ebensowenig wie die daraus resultierenden Konsequenzen. Kurz: Selbstverantwortlichkeit ohne Selbstverarschung. Denn fremdverarscht werden wir alle permanent schon genug.

          • Meine Auffassungen sehe ich … höchstens als Erklärungsmodell für das eigentlich Unerklärliche.

            Ichsachsmaso: Thema dieses Freds ist Rassismus oder, weniger mißverständlich: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
            Wie die zustandekommt, warum sie sich so zäh am Leben hält und auf welche Weise Rassisten von ihrem Rassismus profitieren, steht in Memmis Definition: Angstbannung, Privilegienwahrung, Aggressionsrechtfertigung.
            Das ist alles andere als „das eigentlich Unerklärliche„.

  5. Die imaginierte Furcht

    „Mit den Waffen der Wahrheit und Thatsachen wollen wir unsere Gegner bekämpfen und ihren, nach unserer festen Überzeugung verderblichen Bestrebungen entgegentreten. Nicht darauf kommt es an, die Gegner persönlich anzugreifen, sondern die innere Unwahrheit ihrer Bestrebungen und die Gefahr ihrer hetzerischen Agitationen darzuthun.“

    Diese Zeilen erschienen am 1. Oktober 1891. 126 Jahre sind vergangen, seit sich im deutschen Kaiserreich 1890 der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ gründete. Ziel seiner honorigen Mitglieder war es, die wachsende Judenfeindschaft wissenschaftlich zu widerlegen. Was das mit der wachsenden Fremdenfeindlichkeit in Deutschland im Jahr 2016 zu tun hat? Mehr als es auf den ersten Blick erscheint.

    Natürlich lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen nicht im Verhältnis eins zu eins übertragen. Die Zeiten waren andere, der moderne Antisemitismus ist eine besondere Spielart des Rassismus, der sich gegen einen Teil der angestammten deutschen Bevölkerung wandte, und niemand möchte den Wählern der AfD unterstellen, sie planten analog zu den Nazis einen Massenmord an Einwanderern.

    Doch augenfällig sind auch gewisse Übereinstimmungen. Damals wie heute wenden sich Kreise des deutschen Bürgertums gegen eine bestimmte Gruppe hier lebender Menschen. Damals wie heute werden sie dabei von einer imaginären Furcht vor dem Fremden, Andersartigen getrieben. Sie plagen nicht die Tatsachen und objektive Probleme, die sich durch Einwanderung – damals etwa von Ostjuden ins Kaiserreich, heute vom Flüchtlingen aus dem Nahen Osten in die Bundesrepublik – zweifellos ergeben.

    Vielmehr begreifen sie die Migrationsbewegung als eine subjektive Bedrohung ihres bisherigen Lebensstils. Diese Fremdenfurcht wird getrieben von weiteren, scheinbar schwer zu durchschauenden politischen und wirtschaftlichen Prozessen, die die eigenen Ersparnisse zu bedrohen scheinen, oder internationale Verwerfungen, die den Traum vom „trauten Heim, Glück allein“ brüchig erscheinen lassen.

    Aus diesen Unsicherheiten erwächst die Furcht vor Neuem, Unbekanntem. Als scheinbare Lösung erscheint die radikale Ablehnung der Fremden, verbunden mit dem imaginären Glauben, weite Kreise von Politik, Wirtschaft und Medien hätten sich gegen den weiteren Fortbestand des glückseligen Vergangenen verschworen.

    Heute erklärt die etablierte Politik von Linkspartei bis CSU die Partei dieser Fremdenfeinde als das ursächliche Problem. Dagegen bemüht man sich, die Wähler der AfD zu schonen: Sie gelten als irregeleitete Schäfchen in einer komplizierten Welt, die man zurück auf den Pfad der Tugend begleiten muss.

    Um etwaigen Einwänden gleich zuvor zu kommen: ja, es gibt Unterschiede zwischen Antisemitismus und Rassismus. Und ja, der Schluß von Klaus Hillenbrand geht fehl, weil ein gebrochenes Tabu nicht wieder in ein existentes Tabu verwandelbar ist und weil die Isolierung von Rassisten und Antisemiten nichts hilft.

  6. Ich hab einen ganz starken Anti-Seidentücherl-Affekt. Wenn ich einen Mann sehe, dem ein Seidentücherl aus dem offenen Hemdkragen schaut, dann werde ich genauso aggressiv wie beim Anblick einer Frau in Burka; vor allem wenn der Seidentuch-Mann Psychologe oder Soziologe ist. Manchmal habe ich ja den Verdacht, es trügen manche Frauen unter der Burka ein Seidentuch, aber das ist wahrscheinlich nur die ganz normale Paranoia bei mir.
    Das ist jetzt mein ganz persönlicher Rassismus, man gönnt sich ja sonst nichts.
    .
    „…daß das Fundament des Rassismus, d.h. der auf den Menschen angewendete Begriff der reinen Rasse, unzureichend definiert ist und daß es praktisch unmöglich ist, ihm einen exakt abgegrenzten Gegenstandsbereich zuzuordnen.“
    .
    Ich erlaube mir, das ff publicum darauf hinzuweisen, daß diese Schwierigkeiten bei der Abgrenzung daher rühren, daß es KEINE RASSEN GIBT, jedenfalls nicht im biologischen Sinne. Rassen sind ein menschliches Denkkonstrukt, im Falle der Nutztiere sogar eine menschliche Schöpfung, eine Erfindung.
    Jeder Schäferhundzüchter weiß, daß er nur dann von seiner Hündin Schäferhundwelpen zu erwarten hat, wenn er drauf achtet, daß die Hündin vom „richtigen“ Rüden besprungen wird. Jeder Mensch (weiblich) kann sich prinzipiell mit jedem anderen Menschen (männlich) paaren, so daß Nachkommen entstehen. Daß die Leute am Limpopo (fast) alle schwarz sind, an der Donau dagegen eher weiß, liegt schlicht am unterentwickelten (Reise-)Verkehr zwischen Donau und Limpopo.
    Soweit zur Biologie. Sozial und psychologisch aber gibt es immer noch Rassen, und zwar so was von. Wenn du als Neger geboren wirst, hat das ganz wesentliche Auswirkungen auf deinen Platz in der Welt.
    .
    Ciao
    Wolfram

  7. Ayayay, was vermisse ich Gregor Gysi!
    Sahra Wagenknecht: „Merkel verantwortet schlimmsten Rechtsruck nach 1945

    Die Welt: Frau Wagenknecht, Sie reden von „Gastrecht“, „Kapazitätsgrenzen“ und „Grenzen der Aufnahmebereitschaft“. Ist das links?

    Sahra Wagenknecht: Dass es Grenzen der Aufnahmebereitschaft in der Bevölkerung gibt, ist eine Tatsache, und dass Kapazitäten nicht unbegrenzt sind, auch. Das festzustellen, ist weder links noch rechts, sondern eine Banalität. Allerdings hängt es eben von der Politik ab, wo diese Grenzen liegen. Merkel hat mit ihrer unkoordinierten, konzeptionslosen Politik zu sehr viel Verunsicherung und Ängsten beigetragen. Ihre Politik läuft darauf hinaus, die Kosten der Flüchtlingsintegration der Mittelschicht und den Ärmeren aufzubürden. Das treibt der AfD die Wähler zu.

    Die Welt: Sind die Grenzen der Aufnahmebereitschaft schon überschritten?

    Wagenknecht: Mindestens bei den Wählern der AfD ist das offenkundig so. Die Aufnahmebereitschaft in einer Gesellschaft mit breitem Wohlstand wäre natürlich höher als in einem Land, in dem die Mittelschicht seit Jahren Abstiegsängste hat und die Armut wächst. …

    Die Welt: Ist die Angst der Unterschicht vor zuwandernden Konkurrenten mittlerweile größer als die vor der Ausbeutung durch das Kapital?

    Wagenknecht: … Die große Koalition tut nichts, um den Menschen ihre Ängste zu nehmen, im Gegenteil. Tatsächlich ist Angela Merkel die Bundeskanzlerin, die für den schlimmsten Rechtsruck in Deutschland nach 1945 verantwortlich ist.

    Die Welt: Den Ihre Partei am vorvergangenen Sonntag heftig zu spüren bekam. Muss die Linke sich in der Migrationspolitik vor den Landtagswahlen in Mecklenburg und Berlin neu positionieren?

    Wagenknecht: Wir werden die Menschen auch in Zukunft nicht gegeneinander ausspielen, aber wir müssen darüber nachdenken, warum wir den Zugang zu einem erheblichen Teil unserer früheren Wähler verloren haben. Natürlich darf man nicht pauschal alle Menschen, die sich angesichts hoher Flüchtlingszahlen noch stärker um Arbeitsplätze, Sozialleistungen, Wohnungen und steigende Mieten sorgen, in eine rassistische Ecke stellen. Das gilt auch für Wähler der AfD.

    Ich denke, es war unser Fehler, dass wir uns viel zu sehr für die falsche Merkel-Politik haben mitverhaften lassen.

    Im Grunde sollte man ihr fast dankbar sein, daß sie dermaßen unverblümt in Richtung Nationalbolschewismus abbiegt, statt sich mal ein paar Gedanken über Teile ihrer Ex-Wählerschaft zu machen und endfroh zu sein, daß die Linke die endlich losgeworden ist. °_O
    Dennoch: Wagenknechts Unverblümtheit verhindert Wahlfehlentscheidungen, z.B. meine.

  8. Zapp hat die Urheber des Fotos ausgegraben, mit dem Erika Steinbach neulich ihre rassistische Hetze bei Twitter betrieb:

    ZAPP gelang es, zu der Familie, die nicht namentlich genannt werden möchte, Kontakt aufzunehmen. Ein von ihnen benutztes Internet-Profilbild bestätigt: Sie sind die Eltern des blonden Jungen. Die Familie hatte ihren damals 18 Monate alten Sohn nach eigenen Angaben 2011 bei einem Besuch des Kinderheims fotografiert. „Wir sind sehr traurig, dass das Bild für solche Propaganda verwendet wird. Wir hatten genau das Gegenteil im Sinn“, sagte die australische Familie gegenüber ZAPP. Hochgeladen hätten sie das Foto, „in der Hoffnung, dass das Kinderheim von der Aufmerksamkeit dort profitieren würde“. Während eines Indien-Urlaubs hätten sie dort Spenden übergeben, erzählt die Mutter. „Das Foto entstand in einem sehr schönen Moment voller Liebe und Freude. Er zeigt das Miteinander verschiedener Kulturen und von Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen“, erinnert sich der Vater. „Das auf eine negative Weise zu verwenden, unterstützen wir auf gar keinen Fall.“

    Auch eine Vertreterin des Kinderheims kann die Echtheit gegenüber dem ARD-Studio Südasien bestätigen: „Ich erkenne unsere Kinder auf dem Foto wieder. Wir sind sehr bestürzt und verärgert.“ Erst durch die Recherche von ZAPP hat sie davon erfahren, dass das Foto der Kinder ohne ihr Wissen seit mehr als vier Jahren im Umlauf ist. „Als ich gehört hatte, wofür das Foto meiner Mädchen missbraucht wurde, konnte ich den ganzen Abend nichts mehr machen. Ich habe mir die ganze Zeit nur die Frage gestellt: Warum macht jemand so etwas? Ich habe mir sowohl Sorgen um meine Kinder gemacht, aber auch darüber, wie Inder in der Welt gesehen werden.“ Und der Vater des australischen Jungen meint: „Dass ein so schönes, vorurteilsfreies Aufeinandertreffen von Kindern in solcher Weise verdreht wird, zeigt, wie arm Rassismus ist.“

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