24.10.1975 Frauenstreik in Island

Screenshot Iceland Times (beschnitten)

Screenshot Iceland Times (beschnitten)

Forty years ago, the women of Iceland went on strike – they refused to work, cook and look after children for a day. It was a moment that changed the way women were seen in the country and helped put Iceland at the forefront of the fight for equality.

Am Tag nach dem „Kvennafrídagurinn“ sind die Zeitungen nur halb so dick wie sonst, denn viele Mitarbeiterinnen hatten ebenfalls gestreikt. Dennoch sorgen sie dafür, dass das Land erfährt, was sich zugetragen hat. Das „Dagblaðið“ schreibt: „20 000 Frauen klatschten gemeinsam“ und die linke Zeitung „Þjóðviljinn“ erklärt „Wir stehen vereint“.

In Kanada titelt eine Zeitung „Die Männer lachten, aber der Frauenstreik ist kein Witz“ und in Deutschland berichtet die „Frankfurter Rundschau“ ironieresistent von den „verheerenden Auswirkungen“ der Aktion: „Väter erschienen mit ihren Sprösslingen am Arbeitsplatz“, und im Kino „musste man seinen Platz mangels Platzanweiserinnen selbst zu finden versuchen“.

Um 14.25 Uhr am Montag sperrte Hildur ihre Supermarktkasse ab, zog den Arbeitskittel aus und ging. Mona stellte das Telefon auf den Anrufbeantworter um und verließ ihr Büro. Gudrun ließ die schmutzigen Töpfe stehen und kehrte der Betriebsküche den Rücken. Selbst für Johanna Sigurdardottir, Islands Ministerpräsidentin, war fünf vor halb drei Dienstschluss. Sonst arbeiten diese Frauen alle noch bis (mindestens) 17 Uhr weiter. Diesmal nicht. An diesem Tag zeigten die Isländerinnen wieder einmal, was sie von den Lohnunterschieden halten, die es für Männer und Frauen selbst in dem Land noch gibt, das zum weltweit „gleichberechtigsten“ gekürt wurde.

Wir arbeiten, wie wir bezahlt werden, war die Parole. Gratis nicht. Auf 155 Minuten pro Tag haben Statistiker die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen umgerechnet und damit den Startpunkt für die Aktion am „Kvennafridagurinn“ festgelegt, dem „Frauen-Frei-Tag“. Mehr als 50 000 Frauen versammelten sich anschließend im Zentrum Reykjaviks zu einer Kundgebung. Auch in anderen Städten protestierten Isländerinnen gegen Unterbezahlung und Gewalt gegen Frauen. 50 000 in Reykjavik – das ist enorm. In der Hauptstadt leben nicht einmal 120 000 Menschen. Fünf von sechs Einwohnerinnen waren demnach auf der Straße. Das ist in Island Tradition. Als dort 1975 der weltweit erste Frauenstreik stattfand, nahmen 95 Prozent teil und legten das Land lahm. 1985 und 2005 gab es Neuauflagen. 2005 beendeten die Frauen ihren Arbeitstag um 14.08 Uhr – gemäß der damaligen Lohnkluft. Es geht vorwärts – um 17 Minuten in fünf Jahren.

Island ist ein kleines Land und schon deshalb mit Deutschland schwer vergleichbar. Es hat 300.000 Einwohner, so viele wie Bielefeld. Das Land ist so klein, dass man fast jeden, die Großeltern zum Beispiel, die ab und zu die Kinder hüten, in gut drei Stunden Autofahrt erreichen kann. Trotzdem taugt es als eine Art Versuchslabor. Weil sich hier im Kleinen beobachten lässt, wie Gleichberechtigung ermöglicht werden kann. … Katrin Juliusdottir, die Mutter und Ministerin, sagt: »Die Arbeitgeber in Island haben es langsam verstanden: Nicht nur Frauen kriegen Kinder, sondern auch Männer.«  …

Juliusdottir ist noch ein Mädchen, es ist das Jahr 1980, als in Island zum ersten Mal eine Frau das Präsidentenamt erlangt: Vigdis Finnbogadottir, die alle hier nur Vigdis nennen, die erste demokratisch gewählte Staatspräsidentin der Welt. Heute wird sie verehrt, damals wurde sie beschimpft: Eine Frau und eine geschiedene noch dazu, eine alleinerziehende Mutter mit adoptiertem Kind, all das sei eine »Erniedrigung« für Island, so sahen das vor allem die konservativen Männer im Land. »Manchmal habe ich vor Wut so doll auf den Tisch gehauen, dass ich danach tagelang keinem die Hand schütteln konnte«, sagt Vigdis heute. Sie sitzt in ihrer schlichten grauen Villa nahe der Uni, ein warmes Wohnzimmer mit Bücherwänden und Klavier, sie sieht jünger aus als 84 in ihrem hellen Hosenanzug. Drei Mal wurde sie als Präsidentin wiedergewählt, sie blieb bis 1996 im Amt. Während dieser Zeit erstarkte die Frauenallianz, die einzige Frauenpartei der Welt, die es in ein nationales Parlament geschafft hat. »Helmut Schmidt von Island« hat eine deutsche Journalistin Vigdis einmal genannt. Vor ein paar Jahren wählten die Isländer sie zur bedeutendsten politischen Persönlichkeit des Landes.

Vielleicht sind isländische Frauen auch deshalb so selbstbewusst: weil sie eine Identifikationsfigur haben, die mehrheitsfähiger ist als Alice Schwarzer und aufregender als Angela Merkel. …

Sie kramt ein Foto aus dem Regal und deutet mit dem Finger drauf: »Da irgendwo bin ich.« Das Bild zeigt den Frauenstreik von 1975, bei dem in Reykjavík mehr als 25.000 Frauen die Arbeit niederlegten. Während Deutschlands Nachkriegswirtschaft bei der Suche nach neuen Arbeitskräften auf Gastarbeiter setzte und die Frauen zu Hause bei den Kindern blieben, rekrutierte man in Island Hausfrauen für die Fabriken und Büros. Die erkannten, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, aber nicht gerecht behandelt wurden. Und streikten für mehr Lohn. … Warum bekommen Frauen weniger Geld? »Sie sind kritischer mit sich«, sagt Vigdis. Männer hingegen seien selbstbewusster, auch in Lohnverhandlungen.

When Ronald Reagan became the US President, one small boy in Iceland was outraged. „He can’t be a president – he’s a man!“ he exclaimed to his mother when he saw the news on the television.

It was November 1980, and Vigdis Finnbogadottir, a divorced single mother, had won Iceland’s presidency that summer. The boy didn’t know it, but Vigdis (all Icelanders go by their first name) was Europe’s first female president, and the first woman in the world to be democratically elected as a head of state.

Many more Icelandic children may well have grown up assuming that being president was a woman’s job, as Vigdis went on to hold the position for 16 years – years that set Iceland on course to become known as „the world’s most feminist country“.

But Vigdis insists she would never have been president had it not been for the events of one sunny day – 24 October 1975 – when 90% of women in the country decided to demonstrate their importance by going on strike.

Heute vor 40 Jahren!


Der Blog besteht ausschließlich aus Zitaten, die ich der Lesbarkeit halber weder kursiv gesetzt noch die blasse Zitatfunktion verwendet habe. Quellen in Order of Appearance: BBC, Tagesspiegel, Badische Zeitung, und noch einmal BBC, im Blog zu Beginn des jeweiligen Absatzes verlinkt.


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