Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Aber wir hassen Eure Armut.

Screenshot n24

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Christoph Hein, 09.12.1991:

Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Wir haben keine Angst vor eurer Hautfarbe oder Religion, und eure uns fremde Kultur achten wir und interessieren uns sehr für sie. Aber wir hassen die Armut.

Und es ist leider wahr, daß viele von euch besonders arm sind. Wir fürchten den Bazillus eurer Armut, wir fürchten, uns anzustecken. Wir haben eine panische Angst davor, zu verarmen. Dabei ist es uns völlig gleichgültig, ob jener Mensch mit diesem Bazillus ein Ausländer oder ein Deutscher ist.

Denn auch die Obdachlosen und Armen unserer Nationalität fürchten wir. Wir versuchen, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren. Aber wenn dies nicht mehr möglich ist – sei es, weil ihre Armut sie bereits zu sehr zerstört hat, oder sei es, weil es zu viele sind und wir sie nicht mehr aufnehmen können, ohne uns selbst, unseren Wohlstand, zu gefährden – wenden wir uns auch gegen sie, brennen ihre Asyle nieder und töten sie, wenn sie auf einer Parkbank nächtigen.

Es ist keine Ausländerfeindlichkeit, die uns zur Gewalt gegen euch treibt. Es ist unser Haß gegen die Armut.

Nennt uns nicht zynisch. Wir sind voll Mitleid, aber wir müssen unsere Welt verteidigen. Wir müssen unsere Wohnungen und Häuser, die euch wie Paläste erscheinen, gegen euch verbarrikadieren. Denn wenn wir diesen Kampf, diesen Krieg, den ihr begonnen habt, verlieren, werden unsere Städte zu Slums. Unsere Welt wird, wenn sie sich mit eurer Welt vermischt, untergehen. Unser Reichtum wird wie ein Eimer Wasser in dem Ozean eures Elends unauffindbar verschwinden.

Unseren Wohlstand und unsere Kultur müssen wir gegen euch verteidigen, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollen. Und wir werden uns ebenso entschlossen verteidigen, wie ihr offenbar entschlossen seid, eure Armut nicht weiter hinzunehmen.

Euer Anspruch, an unserem Leben teilhaben zu wollen, ist ein Angriff gegen uns, gegen unseren Wohlstand, gegen unsere Kultur. Wenn wir erlauben, daß ihr euren Anspruch durchsetzt, würde die Natur zerstört werden. Die Welt wäre unbewohnbar für euch, aber leider auch für uns.

Ihr habt den Krieg eröffnet, und wir müssen uns verteidigen. Und da eine Mauer aus Stein nicht haltbar genug ist und nicht das Elend der Dritten Welt aus unserer Welt ausgrenzen kann, haben wir eine Mauer aus dem besten und haltbarsten Material geschaffen, das wir besitzen, eine Mauer, die keiner überwindet, eine Mauer aus Geld.

Wir verfolgen euch nicht, weil ihr Ausländer seid. Auch in unseren Ländern steht der reichere Norden oder Westen gegen den ärmeren Süden oder Osten. Und wenn dieser Kampf weniger brutal ist, dann nur, weil das Wohlstandsgefälle weniger brutal ist. Und wenn wir Ausländer oder ärmere Inländer oder Ausländer, die deutscher Herkunft sind, beschimpfen und sie als faul und asozial, stinkend und larmoyant bezeichnen, wollen wir damit nur sagen, daß diese Leute arm sind.

Wenn sie klagen, daß es ihnen schlechtgehe, erwidern wir ihnen, daß es ihnen noch nicht schlecht genug geht, wenn sie immer noch klagen können. Und wenn sie sagen, sie und ihre Welt seien von uns und unserer Welt bestohlen worden, antworten wir ihnen: Dann bleibt uns gestohlen.

Wir sind nicht ausländerfeindlich. Wir sind zivilisiert genug zu wissen, daß auch ihr einen Anspruch auf Menschenrechte habt. Aber da euer Anspruch unseren Wohlstand gefährdet und ihr ihn dennoch durchzusetzen versucht, habt ihr damit einen nicht erklärten Krieg gegen uns begonnen. Wir werden uns wehren. Aus Furcht vor eurer Armut. Aus Angst, eines Tages eure Armut teilen zu müssen.

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24 Gedanken zu „Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Aber wir hassen Eure Armut.

  1. Fast erscheint es zynisch, hier den „gefällt mir“-Button zu betätigen, denn was Christof Hein hier bereits zu Beginn des Zeitalters der Gelddiktatur ausformuliert hat, ist so schmerzhaft wahr wie richtig, und kann deshalb eigentlich niemandem gefallen: Es ist ein gnadenloser Verteilungskrieg, den wir jetzt ausfechten, und das ist erst der Anfang. Und auch hier liegt Hein richtig: Wir werden ihn mit allen schmutzigen Mitteln ausfechten, vom Wahn und der nackten Angst getrieben, dass uns leiderleider keine Alternative bleibt, um unseren erbärmlichen armen Arsch zu retten, den wir in SUV spazierenfahren, oder zumindest mit Billigfraß von Aldi, Lidl, WürgerKing, Starbucks und Konsorten am Kacken halten. Ich entschuldige mich, werte Dame von Welt, für diese äußerst drastische Ausdrucksweise, aber selbst diese wird der täglich praktizierten Obszönität unseres unwürdig gelebten Menschseins über weite Strecken kaum gerecht.
    Insofern gilt mehr denn je der Appell, die Ursachen der Armut zu bekämpfen – vor allem die der geistigen und humanen Verarmung. Amen.

      • In Gänze ist das so auf Anhieb nicht zu finden….

        Und wo wir grade bei Brecht sind, das war seinerzeit als DDR-Hymne im Gespräch…

        @ Krisenblogger; mensch kann nur um Entschuldigung bitten ;) !!!
        Und „wir“ scheißen drauf, daß es eventuell doch mal irgendwie ne bessere Welt gibt!!!!
        Äh, auch Amen, auch wenn Jesus, falls es den gab, das wohl anders gesehen hat…

  2. Herkunft, Bedeutung, Verwendung von-> Amen

    @Lieblingshugo
    Und “wir” scheißen drauf, daß es eventuell doch mal irgendwie ne bessere Welt gibt!!!!
    Äh, auch Amen, auch wenn Jesus, falls es den gab, das wohl anders gesehen hat…

    1. hätte das Ihre Oma besser nicht gehört…;-)… und
    2. war das Jesusreich als nicht von dieser Welt versprochen, nein?

    Weil ich beim Suchen nach Amen darüber stolperte und es die Perspektive des Textes von Christoph Hein erweitert, ein Artikel über die Plattform4 der großartigen Okwui-Enwezor-documenta über Megastädte-> Learning from Lagos

    • Danke für den erhellenden Megapolis-Beitragshinweis (auch schon wieder 13 Jahre her, wie sind wohl die aktuellen Zahlen und Zustände?). Von Lagos lernen heißt wohl: Überleben lernen, wenn auch mehr im Sinne von: „Leben wird durch Existenz ersetzt“. Besser als nichts, oder? Und bei uns hier ist demnächst wegen Überfüllung geschlossen.

    • 1.War meine Oma sehr tolerant, wenn die etwas jünger gewesen wäre, wäre die wohl Jesus-Freak geworden ;)…
      2. War, so es nur eine Person war, um das mal zu präzisieren, Jesus ein Jude. Die glaub(t)en nicht an das Jenseits. Oma und ich schon, wir wollen uns ja mal wiedersehen…

      Ich weiß, daß sich numero 1 und 2 widersprechen, das nennt sich Katholizismus ;).
      (ich->nichtpraktizierend)

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