Die Hand auf der Waage

Edmund Dene Morel: Journalismus und Menschenrechte vor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Einband-Illustration von Morels Buch 'Red Rubber', Screenshot im Blog Modern Africa

Einband-Illustration von Morels Buch ‚Red Rubber‘, Screenshot im Blog Modern Africa

Edmund Dene Morel wurde 1873 als Sohn einer englischen Mutter und eines früh verstorbenen französischen Vaters in Paris geboren, er wuchs bilingual auf. Seine Mutter arbeitete in Frankreich als Lehrerin, konnte jedoch wegen einer Erkrankung die Schulgebühren der Boarding School für ihren Sohn nicht länger zahlen. Morel begann als Bankangestellter zu arbeiten.

In seinen 20ern trat er eine Stelle im Büro der britischen Reederei Elder-Dempster an, die das Monopol der Kautschuk-Verschiffung aus dem Kongo nach Europa innehatte. Durch Einblick in die Frachtlisten der Reederei hatte Morel genaue Kenntnis der Ladungen: Kautschuk und Elfenbein nach Europa, in den Kongo keine Handelsgüter, sondern ausschließlich Ketten, Waffen, Sprengstoff.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt Leopold ll. als Philantroph und Reformer.

Den Bewohnern der Kongo-Region wollte er Frieden und Wohlstand bringen, sagte er – und versprach, den immer noch grassierenden Sklavenhandel zu bekämpfen, das Christentum zu verbreiten und das gesamte Land in eine Freihandelszone zu verwandeln. Sein verlogenes Schauspiel hatte Erfolg, 1885 übertrug ihm die in Berlin tagende „Kongo-Konferenz“ aus 14 Staaten das gesamte Gebiet als Privatbesitz – ein Gebiet, das mehr als 80-mal größer war als Belgien

Der Bedarf an Kautschuk explodierte, als der Luftreifen erfunden und die Elektrizität zunehmend etabliert wurde. Leopold ll. setzte sein im Kongo erbeutetes Privatvermögen in Belgien überaus sichtbar ein, er baute die Gileppe-Talsperre mit dem ersten Staudamm aus Beton in der Nähe von Eupen, die berühmten Gewächshäuser bei Schloß Laeken im Norden von Brüssel, zur Brüsseler Weltausstellung 1897 den Jubelpark, die Avenue Louizalaan, die Avenue de Tervuren, dort das Königliche Museum für Zentralafrika, in dem er den öffentlichen belgischen und internationalen Blick auf den Kolonialismus im Kongo verklärte und bannte. Das Museum feierte noch 2010 unter großem Aufwand Geburtstag, es wurde 2013 geschlossen, um das Konzept der Kolonialverklärung in einen kritischen Kontext zu setzen. 2017 soll wiedereröffnet werden, es enthält die größte Sammlung afrikanischer Artefakte weltweit.

Währenddessen, zwischen 1885–1908, wurden im Kongo für zu wenig geernteten Kautschuk Hände abgehackt, die Frauen der Kautschuksammler wurden als Freiwild in Geiselhaft genommen, Willkür und Nilpferdpeitsche regierten.

Der belgische Richter Stanislas Lefranc sah um 1900 mit eigenen Augen, was Leopolds Vertreter im Kongo anrichteten. Lefranc war Zeuge einer Bestrafungsaktion, bei der „ungefähr 30 Bälger, von denen etliche erst sieben oder acht Jahre alt waren, aufgereiht und darauf wartend, dass die Reihe an sie käme, die, zu Tode erschrocken, mit ansahen, wie ihre Kameraden ausgepeitscht wurden. 25-mal sauste die Peitsche auf jedes Kind nieder.“ Das Vergehen der Kinder: Sie hatten in der Gegenwart eines Weißen gelacht.

In den 23 Jahren von Leopolds privat-kolonial-kapitalistischer Barbarei starben 10 Millionen Menschen, mindestens die Hälfte der Bevölkerung des Kongo. Edmund Dene Morel schrieb, nachdem er anhand der Elder-Dempster Unterlagen begriff, welche Gräuel im Kongo stattfanden:

Mir wurde schwindlig und übel, als mir die Bedeutung meiner Entdeckung bewußt wurde. Es ist schlimm genug, zufällig einen Mord aufzudecken. Ich aber war zufällig auf eine Gesellschaft von Mördern gestoßen, deren Komplize der König selbst war.

Er veröffentlichte Bücher und Essays über Kolonialismus, Zwangsarbeit und Sklaverei, das bekannteste: Red rubber : the story of the rubber slave trade which flourished on the Congo for twenty years, erschienen 1906. Das Bild oben im Blog stammt vom Originalcover: Die Hand auf der Waage.

Sie hackten den Erschossenen die Hände ab, um den Mord zu belegen. Da nun aber auch jede Kugel, die bei der Jagd verschossen worden war, mit einer Hand zu belegen war, fielen regelmäßig marodierende Söldner über Unschuldige her, um ihnen die Hände abzuschlagen. Körbeweise lieferte die Force publique bei den Europäern abgeschlagene linke und rechte Hände ab, von Männern, Frauen und Kindern. Manch europäischer Offizier lebte ebenfalls im Kongo seine Grausamkeit aus: Léon Rom „verzierte“ zum Beispiel seinen Garten mit abgeschlagenen Köpfen. Als Leopold II. vom Händeabschlagen im Kongo hörte, sagte er entsetzt: „Hände abhacken, das ist idiotisch!“ Mitleid hatte er allerdings keines: „Ich würde eher alles Übrige abschneiden, aber doch nicht die Hände. Genau die brauche ich doch im Kongo!

Morel vernetzte sich mit Missionaren, die seine Darstellung und seinen Rundbrief mit ihren Augenzeugenberichten und mit Fotografien unterstützten – zum Beispiel mit William Morrison, William Henry Sheppard (einer der ersten afro-amerikanischen Missionare in Afrika) mit John Hobbis Harris und der Fotografin Alice Seeley Harris, über jeden einzelnen von ihnen könnte man leicht drei Blogs schreiben. Morel gründete die Congo Reform Association, populäre Schriftsteller beteiligten sich an der Demaskierung des vorgeblichen Philanthropen und Reformer Leopold ll.

Joseph Conrad, drei Jahre als Kapitän auf einem belgischen Flußdampfer im Kongo, veröffentlichte 1898 An Outpost of Progress und 1902 Das Herz der Finsternis.

Das Wort ›Elfenbein‹ zitterte in der Luft, wurde geflüstert, wurde geseufzt. Man hätte glauben können, sie beteten es an. Ein Hauch törichter Raffsucht wehte durch all das, wie die Ausdünstung eines Kadavers. Bei Gott! Nie in meinem Leben habe ich etwas so Unwirkliches gesehen

Booker T. Washington veröffentlichte 1904 Cruelty in the Congo Country

And what is the result of it all? Not the improvement and uplifting of the black men, since wherever the white men has put his foot in the Congo State the black man has been degraded into a mere tool in the great business of getting rubber

Samuel Langhorne Clemens aka Mark Twain (aka °Zwei Faden°, etwa 3,75m Wassertiefe), u.v.a.m. gelernter Lotse auf dem Mississipi, veröffentlichte 1905 King Leopold’s Soliloquy

—- —-!! —- —-!! If I had them by the throat! [Hastily kisses the crucifix, and mumbles] In these twenty years I have spent millions to keep the press of the two hemispheres quiet, and still these leaks keep on occurring. I have spent other millions on religion and art, and what do I get for it? Nothing. Not a compliment. These generosities are studiedly ignored, in print. In print I get nothing but slanders — and slanders again — and still slanders, and slanders on top of slanders! Grant them true, what of it? They are slanders all the same when uttered against a king.

Arthur Conan Doyle reiste 1881 als Schiffsarzt nach Westafrika und veröffentlichte 1909 The Crime of the Congo Er schrieb mit gallebitterer Ironie:

It is worth while to slaughter one-fourth of the population if the effect is to drive the others to frenzied and unceasing work.

Der öffentliche Druck durch Morels Rundbriefe, durch regelmäßige Zeitungsberichte über Leopolds Unterlaufung der 1890 auf der Brüsseler Konferenz beschlossenen Abschaffung der Sklaverei in Afrika, durch den Protest der Kirchen wurde so groß, daß Leopold ll. 1908 den Kongo-Freistaat an den belgischen Staat verkaufte (der Ausbeutung und Entrechtung keineswegs ein Ende setzte). Für 50 Millionen belgische Francs, der zugesagten Vollendung der initiierten Bauprojekten in Höhe von 45 Millionen Francs und der Übernahme der Staatsschulden des Freistaats in Höhe von 110 Millionen Francs. Leopold starb im Dezember 1909.

Listen to the yell of Leopold’s ghost

Burning in Hell for his hand-maimed host

Hear how the demons chuckle and yell

Cutting his hands off, down in Hell

(Nicholas Vachel Lindsay 1914)

Bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fanden zwei Weltkriege statt, es vergingen 40 Jahre. Ohne Menschen wie Edmund Dene Morel wäre ihre Erklärung nicht denkbar.

Morel verlor die durch seinen Einsatz gegen Leopolds Barbarei gewonnen Sympathien, als er sich gegen den Kriegseintritt Großbritanniens einsetzte. Für sein pazifistisches Engagement wurde er zu 6 Monaten Zwangsarbeit verurteilt, von deren gesundheitlichen Folgen er sich nicht mehr erholte und 1924 mit 51 Jahren starb.

Welche Folgen Zwangsarbeit, Entrechtung, Gewalt und Ausbeutung für den heutigen Kongo haben, kann man u.a. bei Nathan Nunn, Andrea Böhm und Simone Schlindwein erfahren.

Zu weiterer Vertiefung:

Weisser König, roter Kautschuk, schwarzer Tod:

Rezension von Mekonnen Mesghena im dradio: Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo

Adam Hochschild, Professor at the UC Berkeley Graduate School of Journalism, speaks on covering human rights issues in the Congo: Covering Human Rights Issues in the Congo

Edmund Dene Morel Red Rubber

The Casement Report

Congo Dialogues: Alice Seeley Harris and Sammy Baloji ‚When Harmony Went to Hell‘

Andrea Böhm über William Sheppard: Held des Kongo

Red Rubber: Atrocities in the Congo Free State

The William Morrison Project

Mark Twain King Leopolds Soliloquoy

Leopold ll., Ed Morel & the Kongo

Wie der Gummireifen den Kongo zerstörte

US Slave ‚King Leopold’s Ghost‘: Genocide With Spin Control

(Ähnlicher Blog zuerst veröffentlicht bei Der Freitag)

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6 Gedanken zu „Die Hand auf der Waage

  1. Neben Dank für den eindringlichen Blog, zwei Hinweise, die ich hoffe Ihren ohnehin großen öffentlichen Fundus ergänzen können. Der eine betrifft den Film -> „Black Heart White Men“ wurde. Mit etwas Mühe kann er im www noch gefunden werden. Der andere betrifft den belgischen Drehbuchautor, Regisseur und Produzenten -> Samuel Tilman, der nicht nur diesen, sondern auch den Film -> „Red Star Line“ verantwortet hat. Das erscheint mir deswegen von Bedeutung, weil zu der Zeit, in der der zweite Leopold sein privates Schlachthaus betrieb rund 2 Mio. Armutsmigranten den Hafen von Antwerpen passierten: In Europa hielt sie nichts mehr.

      • Als ich noch der Waldbauernbub war, da war der Kongokrieg das erste große politische Ereignis, das ich überhaupt mitbekommen habe. Der Kongoneger, und mit ihm die Kongonegerin, hatten beschlossen, nicht länger die Deppen der belgischen Kolonialherren sein zu wollen.
        Das heißt, um genau zu sein, die Belgier waren gar nicht die Kolonialherren des Kongo gewesen, viel später erst habe ich erfahren, daß der Kongo die Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II. war, die erst später in die Hände des belgischen Staates gelangte.
        Was damals wahrscheinlich nur die allerwenigsten Kongoneger wußten: Die Belgier mußten den Kongo zwar in die Unabhängigkeit entlassen, wollten dabei aber insgeheim Kolonialherren bleiben.
        Auf der offiziellen Feier der Unabhängigkeit rühmte der belgische König Baudouin die Verdienste des menschenfreundlichen Leopold II. für die Entwicklung des Kongo und seiner Neger. Der neue kongolesische Premierminister Patrice Lumumba, auch er ein Kongoneger, wen wundert’s, war stinkesauer. Er sagte unter anderem:
        „Wir sind stolz auf diesen Kampf, die Tränen, das Feuer und das Blut, bis in die Tiefen unseres Seins, denn es war ein nobler und gerechter Kampf, und unentbehrlich um der erniedrigenden Sklaverei, die uns mit Gewalt aufgedrückt wurde, ein Ende zu bereiten.
        Dies war unser Schicksal während achtzig Jahren des kolonialen Regimes; unsere Wunden sind zu frisch und noch immer zu schmerzhaft um sie aus unserer Erinnerung zu vertreiben. Wir haben zermürbende Arbeit kennen gelernt, mussten sie für einen Lohn erbringen, der es uns nicht ermöglichte, den Hunger zu vertreiben, uns angemessen zu kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder als geliebte Wesen groß zu ziehen.
        Wir haben Spott, Beleidigungen und Schläge kennen gelernt, die wir morgens, mittags und abends ertragen mussten, weil wir Schwarze sind. Wer wird vergessen, dass zu einem Schwarzen „Du“ gesagt wurde, bestimmt nicht als ein Freund, sondern weil das ehrenwertere „Sie“ allein für die Weißen reserviert war?
        (…)
        Wir haben gesehen dass das Gesetz für Schwarze und Weiße nicht gleich ist, bequem für Erstere, grausam und unmenschlich für Letztere.
        Wir haben entsetzliches Leiden erlebt von denjenigen die für ihre politische oder religiöse Gesinnung verurteilt wurden; in ihrem eigenen Land im Exil, ihr Schicksal wahrlich schlimmer als der Tod selbst.
        Wir haben gesehen, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Hütten für die Schwarzen, dass Schwarze weder in die Kinos gelassen wurden, noch in die Restaurants, noch in die Geschäfte der Europäerinnen und Europäer; dass Schwarze im Rumpf der Schiffe reisten, zu Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen.
        Wer wird je die Massaker vergessen, in denen so viele unserer Geschwister umgekommen sind, die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich weigerten, sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung zu unterwerfen?“
        Jetzt war wiederum der belgische König sauer, der sich sagte, so was müßte er sich nicht sagen lassen, schon gar nicht von einem Neger. Was soll ich groß erzählen? Wenige Monate nach dieser Rede war Patrice Lumumba tot. Erschossen.
        Wer sich auf eine sowohl bequeme als auch beeindruckende Art & Weise über den Kongo informieren will, der schaue sich auf YouTube den Film „Schatten über dem Kongo“ an.

        Ciao
        Wolfram

    • Das scheint zu den nicht so tollen Eigenheiten dieses WordPress-Themes zu gehören. Meine Kommentare erscheinen auch immer fett (unabstellbar, nervt) und wenn wer einen Kommentar von mir kommentiert, erscheint auch der in fett.
      Ich hab’s auch schon mit HTML-Schreiben versucht, nützt nix, müssen wir durch.
      Zum Trost verlinke ich „Schatten über dem Kongo“

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