Die vermessene Menschenwürde

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Deutschland vermessen, geröntgt, fotografiert, begutachtet und befummelt, sie werden erkennungsdienstlich behandelt, ihnen wird in den Mund und zwischen die Beine geguckt. Sie werden zu Erwachsenen gemacht, weil ihnen so weniger Schutz und Unterstützung zuteil wird, als ihnen per Gesetz zusteht. Mit ärztlicher Erfüllungsgehilfenschaft, die an die furchtbaren Mediziner des 19./20. Jahrhunderts anknüpft.

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Der Grund für diesen Blog ist anhaltende Übelkeit. Ich las vor einigen Tagen den taz-Artikel ‚Schwanzvergleich bestimmt das Alter‘, in dem es um Altersfestsetzung in Hamburg mittels Penis-Vermessung bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen geht. Ich hielt das zunächst für einen einzelnen katastrophalen Rückfall in die Gefilde der Schädelvermessung zur Tätertypisierung. Doch diese Annahme war naiv und weit gefehlt, trotz klarer Rechtslage:

 

Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge steht (S. 30) zu lesen:

… die unbegleitete Einreise von Minderjährigen bis 18 Jahre (ist) als eigenständiges Inobhutnahme­kriterium festgeschrieben. Eine Abschätzung der individuellen Gefährdung muss nicht mehr erfolgen; auch wird nicht zwischen UM unter 16 Jahren bzw. 16- und 17-Jährigen dif­ferenziert. Stattdessen wird bei einem unbegleiteten Minderjährigen bis 18 Jahre eine die Inobhutnahme auslösende Situation per se unterstellt.

(6) Maßnahmen … sind das Aufnehmen von Lichtbildern, das Abnehmen von Fingerabdrücken sowie Messungen und ähnliche Maßnahmen, einschließlich körperlicher Eingriffe, die von einem Arzt nach den Regeln der ärztlichen Kunst zum Zweck der Feststellung des Alters vorgenommen werden, wenn kein Nachteil für die Gesundheit des Ausländers zu befürchten ist. Die Maßnahmen sind zulässig bei Ausländern, die das 14. Lebensjahr vollendet haben; Zweifel an der Vollendung des 14. Lebensjahres gehen dabei zu Lasten des Ausländers. Zur Feststellung der Identität sind diese Maßnahmen nur zulässig, wenn die Identität in anderer Weise, insbesondere durch Anfragen bei anderen Behörden nicht oder nicht rechtzeitig oder nur unter erheblichen Schwierigkeiten festgestellt werden kann.

1995, 2007 und 2010 gab es unmißverständliche Beschlüsse des Ärztetages zur Unvereinbarkeit der Altersfestsetzung durch Röntgen mit der Wissenschaftlichkeit der Medizin und jedem ärztlichen Berufsethos, die Begründung von 2010:

„Aufgrund mehrfacher weiterer Altersfeststellungen bei minderjährigen Flüchtlingen durch Röntgen der Handwurzelknochen wird nochmals an die Ärztetagsbeschlüsse von 1995 und 2007 erinnert. Danach ist die Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten zur Feststellung des Alters mit aller Entschiedenheit abzulehnen.“ „Die Methode der Knochenalterbestimmung ist zur Bestimmung des Lebensalters ungeeignet. … Die Altersbestimmung per Röntgenaufnahme des Handskeletts ist in ihren Ergebnissen so unsicher, dass sie als Methode generell abzulehnen ist. Sie bedeutet darüber hinaus eine Strahlenbelastung des wachsenden Organismus, die medizinisch nicht zu rechtfertigen ist. Ausländerrechtliche Fragestellungen können auf keinen Fall medizinische Indikationen von den Körper belastenden Verfahren wie z.B. Röntgen legitimieren.“
Die taz zitiert im besagten Artikel ‚Schwanzvergleich bestimmt das Alter‚ den Präsidenten der Bundes- und der Hamburger Ärztekammer, Frank Ulrich Montgomery:
„Auch bei Untersuchungen der Geschlechtsmerkmale muss die Privatsphäre gewahrt bleiben. Dass Jugendliche in die Gruppe der Erwachsenen eingeteilt werden, wenn sie an der Untersuchung nicht mitwirken, konterkariert die vorgebliche ‚Freiwilligkeit‘ und ist weder menschlich noch medizinisch gerechtfertigt.“

Der auch rechtlich zutreffende Begriff ist Intimsphäre, Herr Prof. Montgomery. Die Intimsphäre ist die vom Staat höchstgeschützte Sphäre, deren Verletzung einer besonderen Gestattung bedarf. Grundsätzlich ist dem Staat der Eingriff in die Intimsphäre verschlossen. In Hamburg allerdings hat der Landesbetrieb für Erziehung und Beratung keine Skrupel, den regelmäßigen behördlichen Zugriff auf die Intimsphäre von minderjährigen Flüchtlingen in einer Broschüre zu offenbaren.

SPON Hamburg 2014: „Wie Mujib wurden im vergangenen Jahr knapp 500 Flüchtlinge, die sich als minderjährig bezeichneten, nach einem Erstkontakt für sicher volljährig erklärt. Etwa dieselbe Zahl wurde nach einem ersten Kontakt als zweifelhaft minderjährig erklärt. Diese Jugendlichen müssen sich einer Röntgenuntersuchung des Kiefers und oft zusätzlich des Schlüsselbeins unterziehen, anhand dieser Untersuchungen schätzen Ärzte das Alter in einem Gutachten.“ „Es gibt Kollegen, die erzählen stolz, wenn sie wieder vier oder fünf Minderjährige für erwachsen erklärt haben und damit die Plätze freigemacht haben“, berichtet ein Informant aus Behördenkreisen.

taz Hamburg 2010 Verschiebung per Röntgenstrahlen: „Mehr als die Hälfte der sich als minderjährig ausgebenden Flüchtlinge wurde im vergangenen Jahr auf diese Weise für 18 oder älter erklärt. Das geht aus einer Antwort des schwarz-grünen Senats auf eine Anfrage der Hamburger Linksfraktion hervor. Der Hamburger Flüchtlingsrat erklärt das damit, dass nur volljährige Flüchtlinge in ein anderes Bundesland verschoben werden dürfen. Außerdem muss beim Asylverfahren dann kein vom Jugendamt bestellter Vormund zugegen sein.

Nach Informationen des Vereins „Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge“ kommt es außer in Bremen in allen Bundesländern vor, dass das Alter von Flüchtlingen, die sich als minderjährig ausgeben, nach oben korrigiert wird. In der Regel machen dies aber nicht die Ausländerbehörden, sondern Gerichte, Jugendämter oder spezielle Clearingstellen. In Hamburg aber nimmt die Ausländerbehörde den Flüchtling in Empfang und entscheidet, ob er minderjährig bleibt und damit vom Jugendamt in Obhut genommen wird – oder ob er älter ist, als er angegeben hat. Ein Widerspruchsrecht ist nicht vorgesehen.“ Die Website des Bundesfachverbands für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V. ist auch sonst sehr informativ.

Allein in der Rechtsmedizin der Berliner Charité gibt nach Angaben von Professor Michael Tsokos 100 bis 120 zwangsweise Altersfeststellungen pro Jahr (Angabe für 2013, heute dürften es wesentlich mehr sein).

Die „Aura einer Wissenschaftlichkeit“ zur Altersfestsetzung wird auch und unter anderen in Freiburg beschworen, von dort wird von „mehreren Fällen pro Monat“ berichtet, bei denen auch suizidale Krisen billigend in Kauf genommen werden. Strittige Studien werden aufgesplittet, um mehr fachmedizinische Veröffentlichungen zu erlangen. Kein Handlungsbedarf, Herr Prof. Montgomery?

Bielefeld und Aachen. Landkreis Göttingen. „Wie viele Jugendliche von den Behörden für volljährig erklärt wurden, steht in keiner Statistik; es könnten allein in Bayern mehr als 200 pro Monat sein, wie eine Stichprobe im Juni 2013 in München vermuten lässt.

In Rosenheim wurde ein ivorischer unbegleiteter minderjähriger Flüchtling mittels Röntgen seiner Handwurzel zum Erwachsenen erklärt und saß daraufhin 5 Monate in Abschiebehaft. Sein Anwalt stellte Strafanzeige wegen Körperverletzung, ein Beschluß des Landgerichts Traunstein erklärte die Abschiebehaft für unzulässig. Aus der darauf folgenden Stellungnahme des RoMed Klinikums geht allerdings bis heute nachlesbar hervor, daß dort nicht ärztliches Fachwissen und Berufsethos, sondern die Bundespolizei über die Anordnung von Röntgenuntersuchungen entscheidet, in gleich mehrerlei Hinsicht rechts- und standeswidrig.

Flüchtlinge haben wie jeder Mensch qua Geburt unantastbare Menschenwürde, deren Schutz in Deutschland alle staatliche Gewalt verpflichtet ist (<-ein Paradox, über das immer mal wieder sinniert werden darf).

Es ist kein Verbrechen, vor Krieg- oder Bürgerkrieg, vor Verfolgung, Diskriminierung, Gefahren für Leib und Leben zu fliehen und in einem anderen Land um Asyl zu bitten, sondern das ist Menschenrecht, s. AEMR Artikel 14. Minderjährige Flüchtlinge haben die ganz gleiche Menschenwürde und genießen den mindestens gleichen Schutz wie Erwachsene, festgeschrieben im Grundgesetz, das sich ausdrücklich zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekennt. Die Menschenrechte von Minderjährigen sind zusätzlich ausgeführt in der Kinderrechtskonvention, minderjährige Flüchtlinge haben ein Recht auf Kindeswohl, auf Sicherheit und Schutz, auf Bildung und Ausbildung. Deutschland hat die ursprünglichen Vorbehalte, die verhindern sollten, daß Flüchtlingskinder deutschen Kindern gleichgestellt sind, 2010 aufgegeben.

Es ist ein Verstoß gegen Recht und Gesetz, minderjährige Flüchtlinge schlimmer als Verbrecher zu behandeln. Es verletzt jede Menschenwürde, sie erkennungsdienstlich zu behandeln, ihre Zähne zu begutachten und ihre Genitalien zu befummeln. Röntgen ohne die Absicht einer Diagnose zur Festlegung einer Heilbehandlung ist Körperverletzung. Würde irgendetwas dieser Art an einem erwachsenen Verbrecher vollzogen, riebe sich dessen Pflichtverteidiger die Hände, sein Prozess wäre nämlich schon im Vorfeld gewonnen. Überdies sind Zahnbegutachtung, Penisvermessung und durch Röntgen ermitteltes Knochenalter keine Verfahren zur tatsächlichen Feststellung des Alters, dazu sind die Toleranzen viel zu groß: lediglich bei 25% trifft das durch Röntgen ermittelte Knochenalter auch das tatsächliche Alter.

Es geht nicht um Feststellung, sondern um Festsetzung des Alters, zum Nachteil minderjähriger Flüchtlinge.

Minderjährige fliehen nicht nur vor Krieg und Verfolgung, sondern auch vor Ausbeutung durch altersunangemessene Arbeit oder als Kindersoldat oder vor sexualisierter, physischer, psychischer Gewalt. Minderjährige Flüchtlinge haben nicht selten der Ermordung ihrer Familien zusehen müssen, sie haben oft gar keine Angehörigen mehr. Minderjährige erwerben häufiger als Erwachsene noch zusätzliche Traumata auf der Flucht.

Da passt es auch ins Bild eines gegenüber Flüchtlingen ineffizienten und oft sehr häßlichen Deutschlands, daß derzeit die ohnehin zu wenigen und völlig überlaufenen psychosozialen Zentren zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge vor dem Aus stehen. Durch veränderte Finanzierung (weg von Ländern, Kommunen, Stiftungen, Kirchen, Privatspendern hin zu den Krankenkassen und dem neuen EU-Fond für Asyl, Migration und Integration) fließen seit Monaten kaum Gelder für dringend benötigte Therapien. Von der Kür, wie zum Beispiel vertrauenswürdige Dolmetscher und ihre Kostenübernahme gar nicht erst zu reden. Die Bundesregierung verweist nach einer Kleinen Anfrage der Linken kühl auf die Zuständigkeit der Länder.

Statt wenigstens unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit offenen Armen zu empfangen, ihnen Schutz, Sicherheit und ein bißchen Wärme zu bieten, sie zu bilden und auszubilden und sie zu erfolgreichen und begeisterten Staatsbürgern zu machen, wie z.B. in der SchlaU-Schule in München, dreht man lieber an den bürokratischen Stellschrauben und bemüht eine Rethorik, die Treitschke-Traditionen fortschreibt.

Weil nicht noch einmal das Grundgesetz verstümmelt werden kann wie 1993.

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32 Gedanken zu „Die vermessene Menschenwürde

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  2. Liebe Dame, danke für diesen aufrüttelnden Blog.

    Der österreichische Kinderarzt Peter Scheer nannte die Untersuchungen per Röntgen schon 2009 eine Verletzung sowie eine Verletzung der Menschenrechtskonvention.
    http://derstandard.at/1245670016889/Jugendliche-Asylwerber-Roentgenstrahlen-stellen-eine-Verletzung-dar

    In dem Interview ist erwähnt, dass noch Schlüsselbeinröntgenuntersuchungen erwogen wurden.
    „Schmitzberger spricht nun von einer neuen Berliner Studie: „Möglicherweise“ könne man an der Verknöcherung des Schlüsselbeines feststellen, ob jemand 18 ist.“

    Und dass auch – einmal abgesehen vom rechtlichen und moralischen Aspekt – die Aussagekraft solcher Untersuchungen rein „technisch“ sehr zweifelhaft sind.

    „Wobei es auch vor dem 15. Lebensjahr nicht bei jedem gleich ist. Ein Problem ist es zum Beispiel, wenn jemand schlecht ernährt wurde, da hinkt die ganze Entwicklung nach. Wir sehen das bei uns vor allem bei Kindern, die an Magersucht erkrankt sind. Aber Mangelernährung kann natürlich auch eine Folge von einem Leben im Krieg und auf der Flucht sein.“

    Die anhaltende Übelkeit teile ich.

    Grüßle, Diander

    • Hallo Diander,
      danke für den link.
      Im Gegenzug einer von pro-asyl, mit dem es mit der Übelkeit gleich weitergeht-> Gesetzentwurf: Flüchtlingskinder sollen Deutschlandweit verteilt werden

      Weil Bund- und Länder nicht in der Lage sind, einen fairen Lastenausgleich zu errechnen, sollen nun statt Geldern unbegleitete Flüchtlingskinder umhergeschoben werden. Ein fataler Entschluss: Vielerorts bestehen keine Aufnahmestrukturen. Die Interessen der Minderjährigen bleiben außen vor.

      ff.

      • Zeit Online-> Minderjährige Flüchtlinge : „Illegal und chaotisch“

        Minderjährige Flüchtlinge zieht es zu Hunderten nach Hamburg. Ein Gesetz soll die Stadt jetzt entlasten. …

        ZEIT: Also haben die Länder es versäumt, sich vorzubereiten?

        Espenhorst: Nichts ist geregelt. Die Leute in den Landkreisen haben alle Fragezeichen auf der Stirn. Wie dort bald Tausende minderjährige unbegleitete Flüchtlinge versorgt werden sollen, ist mir schleierhaft. Das wird im Chaos enden. Die Kommunen wissen nicht einmal, wie viele Flüchtlinge sie erwarten.

        ZEIT: Warum ist das so schwer vorauszusagen? Der Schlüssel ist doch bekannt.

        Espenhorst: Weil niemand gezählt hat. Niemand weiß, wie viele in den letzten Wochen gekommen sind. Niemand weiß, wie groß die Bestandszahlen sind. Einige Bundesländer wie Hamburg haben ihre Quote schon erfüllt, die werden keine jungen Flüchtlinge mehr aufnehmen. Andere sind erst bei 20 Prozent. Da aber die Bundesländer untereinander nicht wissen, wie viele die anderen Bundesländer genau haben, können sie auch nicht sagen, wie viele jeweils kommen werden. Außerdem gibt es ja schon eine Verteilung – nur eben illegal und völlig chaotisch.

        ZEIT: Wie meinen Sie das?

        Espenhorst: München schickt massenhaft junge Flüchtlinge mit Bussen quer durch die Republik. Alle Bundesländer nehmen im Augenblick unbegleitete Minderjährige aus Bayern auf, die dort nicht registriert werden. Der Rechtsstaat kapituliert. Das zeigt, wie wenig sich die bayerische Regierung um Recht und Gesetz schert. Bayern hält sich im Augenblick an gar nichts. Die Standards der Jugendhilfe sind überall massiv gesunken, auch in Hamburg. Seit klar ist, dass das neue Verteilungssystem kommt, haben Länder wie Hamburg den Ausbau ihrer Strukturen völlig vernachlässigt.

        Das Interview ist insgesamt lesenswert, beim Kommentariat feiert der Faschismus Geburtstag, zum Brechen.

  3. Ja, keine Frage, die geschilderten erkennungsdienstlichen Maßnahmen und Vermessungen von Flüchtlingen sind schlimm und verstoßen gegen das Recht auf Menschenwürde.
    Dazu haben Sie in Ihrem Artikel alles gesagt, Dame von Welt.
    Dennoch möchte ich über positive Initiativen berichten, von Organisationen, Vereinen und Privatpersonen, die zeigen, dass es auch anders geht.
    Gestern abend wurde auf 3sat zum Beispiel über eine junge österreichische Familie berichtet, die einen Jugendlichen aus Syrien, Khaled, in ihre Familie aufgenommen hat, um nicht „vielen Flüchtlingen ein bisschen, sondern einem Menschen viel zu helfen“, wie sie sagte.
    Da von offizieller Seite, also den verantwortlichen Entscheidungsträgern in der Politik (länder- und bundesweit) nur Schaum und Luftblasen kommen, sehe ich die einzige Hoffnung auf Abhilfe tatsächlich aus den Reihen der Bevölkerung, und mag dies zunächst noch so gering und kleinklein erscheinen.Es sind die kleinen Schritte, die möglich sind!
    Es gibt ein paar Organisationen, die ich erwähnen möchte:
    proasyl.de
    asyl.at
    fluechtlinge-willkommen.de
    unhcr.de
    Vor allem letztere setzt sich für die Rechte von Flüchtlingen ein.

    Beste Grüße!

  4. zum problem unbegleitete minderjährige in der ausländer+asyl+sozialpolitik in ’schland insgesamt ist http://www.proasyl.de/fileadmin/fm-dam/NEWS/2011/PRO_ASYL_Kinderrechte_ernst_nehmen.pdf ganz informativ.
    mit der gestrigen gesetzesänderung http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/040/1804097.pdf
    werden für die unbegleiteten (wie auch für die begleiteten) die probleme eher noch zu- als abnehmen.

    zur altersfeststellung: pro asyl fordert das einzig vernünftige, nämlich:
    㤠49 Abs. 6 S. 2 AufenthG ist zu streichen.
    In § 49 AufenthG und in § 16 AsylVfG ist jeweils gleichlautend ein neuer Absatz einzu-
    fügen:
    »Zur Feststellung der Minderjährigkeit eines Ausländers sind grundsätzlich die An-
    gaben des Ausländers zugrunde zu legen. Eine Überprüfung der Angabe findet nur
    statt, wenn offenkundige Zweifel an der Richtigkeit der Altersangaben des Ausländers
    bestehen. Das Verfahren zur Feststellung des Alters ist auf Grundlage gesicherter medi-
    zinischer Erkenntnisse und unter Beachtung der Würde der Betroffenen durch aner-
    kannte Fachkräfte (z.B. Kinderärzte, Kinderpsychologen, zusammen mit Vormund und
    geschultem Personal) durchzuführen. Der Ausländer ist vor Durchführung des Verfah-
    rens umfassend aufzuklären. Es ist nur zulässig, wenn er oder sein gesetzlicher Vertreter
    eingewilligt hat. Wird ein Altersfeststellungsverfahren durchgeführt, sind nicht nur
    medizinische Feststellungen, sondern auch die psychologischen und pädagogischen
    Erkenntnisse zu berücksichtigen. Im Zweifel sind die Angaben des Ausländers als wahr
    zu unterstellen. Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit sind unzulässig.«

    der skandal liegt ja nicht nur in den methoden, er liegt bereits in dem satz im geltenden §49 aufenthaltsG
    „Zweifel an der Vollendung des 14. Lebensjahres gehen dabei zu Lasten des Ausländers.“

    zweifel gehen immer zu lasten der ausländerin, nie zu lasten der zweifelnden.
    es gehören jedoch die zweifel untersucht! und nicht die angezweifelten.

  5. das erstaunlich-entsetzliche sind ja die argumente, die dafür gefunden werden, warum das in ordnung sein soll. die reichen von der U1 bis zur musterung und die schützenswerten ressourcen dürfen auch nicht fehlen. dass DIE (flüchtlinge) alle bescheißen ist eh klar….. wie auch klar ist, dass an der jahrelangen erfahrung von ärzten nicht zu zweifeln ist, weshalb auch am verwaltungsgerichtlichen segen für das argument der jahrelangen ärztlichen erfahrung nicht zu zweifeln ist.
    das führt zu dem erschreckenden befund: den ’schländern sind menschenrechte scheiß-egal. und da ihnen menschenrechte als ihre eigenen scheiß-egal sind, sind es ihnen die der ‚anderen‘ umso mehr.

    • Ach, ja, Mißgunst und Hassen im Internet °_O Wehe, es geht irgendeinem besser als einem selbst bei der Musterung…

      Aber sind die Ärzte bei dem ganzen bösen Spiel nicht eigentlich erstaunlich? JEDER Naturwissenschaftler weiß, daß naturwissenschaftliche Thesen niemalsnienicht in Stein gehauen, sondern vorläufig sind, es bestenfalls eine aus ewig langer Erfahrung gewonnene Übereinstimmung gibt. Das ist ein unsicherer und schwankender Grund.

      Was Ärzte aber ganz sicher wissen könnten: ihr Beruf dient der Heilung, Punkt fertig. Im Grunde müßten die doch alle schon in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn ein Polizist mit einem minderjährigen Flüchtling ein Krankenhaus auch nur betritt.

      Meine vorläufige These dazu: Menschen brauchen ganz sichere Sicherheit. WEIL aber der wissenschaftliche Grund so schwankend ist UND zur bedingungslosen Patientenparteinahme ein bißchen Rückgrat erforderlich wäre, nehmen manche Mediziner lieber eine vermeintliche Felsenfestigkeit pseudowissenschaftlicher Methoden an und lassen sich von der Staatsgewalt ihren Berufsethos abkaufen.

      Ich käme ja noch ein bißchen eher mit, wenn Schwanzvermesserei und Röntgen nur in der Gerichtsmedizin stattfände, beim Nachlesen kam ich aber auch über diverse normale Kliniken, darunter auch ein evangelisches Krankenhaus. Entgültig die Schuhe ausgezogen hat mir die-> Pressemitteilung der RoMed-Klink in Rosenheim.

      • WEIL aber der wissenschaftliche Grund so schwankend ist UND zur bedingungslosen Patientenparteinahme ein bißchen Rückgrat erforderlich wäre, nehmen manche Mediziner lieber eine vermeintliche Felsenfestigkeit pseudowissenschaftlicher Methoden an und lassen sich von der Staatsgewalt ihren Berufsethos abkaufen.

        Ein weiterer Grund könnte sein, dass solche Vermessereien schnell und einfach abgearbeitet werden können, da dürften selten irgendwelche medizinischen Komplikationen nachkommen. Das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht leicht verdientes Geld, und da ja auch das Gesundheitswesen und die Krankenhäuser in zunehmendem Maß betriebswirtschaftlicher Optimierung unterzogen werden, dürfte der Druck in dieser Richtung ganz erheblich sein.

        Alles, was den Umsatz steigert, ohne die Ressourcen über Gebühr zu belasten, ist gutzuheißen. Deshalb wird kaum ein Krankenhaus sich dem verweigern. Und wenn die Leitung das grundsätzlich begrüßt, wird die Schwelle für den einzelnen Arzt, sich dagegenzustellen, umso höher.

  6. Weil mir das gerade in die Hände fiel-> Gefährliche Dolmetscher

    Bei den Befragungen zum Asylantrag zählt jedes Wort. Eine Initiative prüft den Verdacht, Eritreer würden von Übersetzern eingeschüchtert. Wer in Deutschland Asyl beantragt, bekommt von Amts wegen einen Übersetzer für die Anhörung. Doch was, wenn die Dolmetscher die Aussagen der Geflüchteten verfälschen?

    Die Frankfurter Initiativen Teachers on the Road und United4 Eritrea weisen darauf hin, dass in Deutschland lebende eritreische Dolmetscher genau damit schon öfter aufgefallen sind. Eine Studie der Konferenzdolmetscherin Eden Mengis scheint diesen Verdacht nun zu erhärten.

    Die Lage von Eritreern in ihrem Heimatland ist prekär. Männer können nach ihrem 18. Lebensjahr unbefristet zum Militärdienst eingezogen werden, Frauen müssen bis zum 28. Geburtstag gegen niedrige Bezahlung für den Staat arbeiten. Präsident Isayas Afewerkis Regierung kontrolliere alle Ebenen der Macht, politisch, wirtschaftlich, sozial, journalistisch und religiös, kritisiert Human Rights Watch. Wahlen gab es in dem Land noch nie. Daher flüchten Monat für Monat Tausende aus dem Land. Laut Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen waren es im vergangenen Jahr über 300.000 Menschen.

    Gelingt die Ausreise, ist die Odyssee noch lange nicht vorbei. Auch außerhalb Eritreas gibt es Anhänger des Regimes. Sie arbeiten teilweise im Auftrag der Regierung, erklärt Irina Dannert, die sich bei Teachers on the Road, einer Frankfurter Flüchtlingsinitiative, engagiert. Erst vor wenigen Monaten hatte die italienische La Repubblica einen solchen Fall publik gemacht.

    ff.

    • es hilft der übersetzung immer, wenn eine dolmetscherin des vertrauens mitgebracht wird.
      steht im gesetz, dass mentsch das darf.
      nur wer erklärt mentschen, welche rechte sie haben?

      • Die sich stellende Frage: wer zahlt beides? Kann ja nicht sein, daß Flüchtlingsanwälte noch mehr unbezahlte Überstunden leisten und Dolmetschen ganz zum Ehrenamt erklärt wird.
        Zumal ich ziemlich sicher bin, daß die völlig überlastete Verwaltung von Flüchtlingen froh sein könnte, wenn sie gut informierte und vertretene Leute vor sich hätte: das würde bestimmt so manches Verfahren verkürzen und damit sehr viel Geld sparen. Von Papier, Nerven, Leben zu schweigen.

        • es tät ja schon helfen, wenn anwältinnen nicht mehr schubbern müßten, um die kohle für die berufshaftpflicht zusammenzukriegen, die in asylsachen sowieso nicht eintritt, ohne deren zahlung aber jede kammer die zulassung entzieht.
          will sagen: auch anwälte sind schweine. standesbewußte schweine.

    • liebe dame.von.welt, flüchtlinge schlafen überall. mitten im wald und mitten in der wiese. und sie sind kinder… die frage ist immer: sind diese kinder unsere kinder?

  7. Der Asylrechtsblog faßt die Änderungen im Aufenthaltsrecht zusammen-> Verbesserungen mit Rattenschwanz

    Ebenfalls geringfügig verbessert wurde die Stellung geduldeter “gut integrierter” Jugendlicher, die nun gem. §25a AufenthG bereits nach vier (statt bisher sechs) Jahren Schulbesuch eine Aufenthaltserlaubnis erhalten können. Da die Altersgrenze jedoch nicht, wie von Flüchtlingsorganisationen gefordert, von 21 auf 27 Jahre angehoben wurde, können unbegleitete minderjährige Geflüchtete, die mit 17 Jahren nach Deutschland gekommen sind, nicht von dieser Regelung profitieren. …

    Obwohl der Bundesrat der Gesetzesänderung zustimmte, kritisierte er, dass einige seiner in der Stellungnahme vom Februar formulierten Forderungen keine Beachtung fanden. Nicht in das Gesetz geschafft hat es demnach ein Aufenthaltsrecht für jungendliche und heranwachsende Geduldete, die in Deutschland eine Ausbildungsstelle gefunden haben. Somit bleibt es bei der derzeitigen Regelung, welche besagten Jugendlichen lediglich den Duldungsstatus gewährt. Dieser muss allerdings ständig neu erteilt werden, liegt zudem im Ermessen der Behörde und ist somit ein sehr unsicherer Aufenthaltstitel. Die Schaffung eines sicheren Aufenthaltsrechts für Jugendliche in einem Ausbildungsverhältnis hätte den Vorteil, dass sowohl für Arbeitgeber_innen wie auch für Arbeitnehmer_innen Sicherheit geschaffen würde. Zudem hätte die Maßnahme eine integrationsfördernde Wirkung.

    ff.

  8. #merkelstreichelt in voller Länge, bei ungefähr Minute 9 sagt sie auch etwas (wirres) über unbegleitete minderjährige Flüchtlinge->

    Das könnte das erste PR-Debakel sein, das Merkel nicht mehr loswerden wird #teflonwargestern.

  9. Pingback: Welches Boot? | gnaddrig ad libitum

  10. taz-> Bremen soll Schwänze vergleichen

    Bei der Feststellung des Alters von heranwachsenden Flüchtlingen soll Bremen rigoroser werden. Das geht aus einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Bremen von Ende Juli hervor, der jetzt bekannt wurde.

    In dem verhandelten Fall hatte ein junger Flüchtling aus Guinea versichert, erst 16 Jahre alt zu sein. Von zwei MitarbeiterInnen des Jugendamtes war er allerdings in Augenschein genommen und für volljährig erklärt worden. Die Inobhutnahme sollte er sofort verlassen. Dagegen hatte er geklagt.

    Zu Recht, befand das Gericht – und stellt gleichzeitig Bremens Verfahren zur Altersfeststellung in Frage. Das Land hat bislang darauf verzichtet, Flüchtlinge zu röntgen und ihre Zähne oder ihre Genitalien zu vermessen – so, wie es unter anderem in Hamburg üblich ist (siehe Kasten). In Bremen obliegt es MitarbeiterInnen des Jugendamtes, anhand eines Gespräches sowie körperlicher Merkmale wie Bartwuchs, Körperbau, Gesichtszüge, Halsfalten oder Ausprägung des Kehlkopfes das Alter zu bestimmen.

    Von der Bremer Ärztekammer wurde diese Methode allerdings bereits deutlich abgelehnt: Auch mit einer Röntgen-Untersuchung lasse sich das Alter nicht genau bestimmen, sagte Kinderchirurgin und Kammer-Präsidentin Heidrun Gitter dem Weser Kurier. Das Verfahren sei zu unpräzise, um Menschen dafür mit Strahlen zu belasten. Auch Zahnuntersuchungen sind laut Experten nicht genauer.

    Bliebe noch die „körperliche Untersuchung“, die das Verwaltungsgericht als Alternative erwähnt: In die Beurteilung einfließen könnten dazu „anthropometrische Maße“, „altersrelevante Entwicklungsstörungen“ sowie die „sexuellen Reifezeichen“ – also Hamburgs berühmter Schwanzvergleich.

  11. taz-> Schwanz bleibt Schwanz

    Die rot-grüne Koalition wird am morgigen Donnerstag in der Bürgerschaft einen Antrag der FDP ablehnen, den Jugendlichen oder jungen Erwachsenen nicht mehr auf Brüste und Penis zu starren.

    Diese Untersuchungen in der Rechtsmedizin der Uniklinik Eppendorf (UKE) seien „keine zwangsweisen körperlichen Untersuchungen“, erklärt Melanie Leonhard, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion. Wer sie verweigere, habe keine Nachteile zu befürchten. Zudem falle „diese zentrale Untersuchung im Zweifel immer zu Gunsten der Jugendlichen aus“, beteuert der grüne Fraktionschef Anjes Tjarks.

    Um das Alter von jugendlichen Flüchtlingen zu ermitteln, setzt die Stadt das gesamte Arsenal an Medizintechnik im UKE ein: Aufnahmen der Kieferknochen, Röntgenbilder von Handskelett und Schlüsselbein und gern noch eine Computertomographie obendrauf, auch der geschulte Blick dürfe nicht fehlen, hatte der Senat vor zwei Monaten auf eine Anfrage der Bürgerschaftsabgeordneten Jennyfer Dutschke (FDP) geantwortet.

    „Es erfolgt eine Inaugenscheinnahme der bezüglich einer Abschätzung des Entwicklungs- bzw. Reifezustandes maßgeblichen Partien der Körperoberfläche, insbesondere bei männlichen Probanden der Gesichtsregion und der Achselhöhlen sowie der Genitalregion.

    Bei weiblichen Probanden erfolgt eine Inspektion des Entwicklungszustandes der Brustdrüsen“, so die detailfreudige Senatsauskunft, über die Dutschke gar nicht erfreut war. Sie hält die „hochnotpeinliche Intimuntersuchung für unwürdig“.

    Laut Senat ist die Teilnahme an der ärztlichen Untersuchung zwar „freiwillig“. Werde sie jedoch verweigert, „wird die Inobhutnahme beendet“: Wer sich verweigert, wird eben für volljährig erklärt.

  12. Die Zeit-> Das muss untersucht werden

    ZEIT: Das heißt, Flüchtlinge müssen die Genitaluntersuchungen nicht mitmachen, können sich aber nicht ohne Konsequenzen dem gesamten Prozedere verweigern. Herr Montgomery, Sie kritisieren auch die Röntgenuntersuchungen grundsätzlich.

    Montgomery: Ja, ich halte das Röntgen zur Altersfeststellung für Körperverletzung. Es gibt für diese Untersuchungen keine medizinische Notwendigkeit, dabei sollte die immer höchstes Gebot ärztlichen Handelns sein. Die Strahlendosis bei Handwurzel- oder Zahnstatusuntersuchungen beträgt 0,1 und 0,4 Mikrosievert. Das ist schon zu viel, gerade bei Jugendlichen. Wenn die Schlüsselbeine geröntgt werden, ist das noch eine ganz andere Hausnummer. Das sind um die 500 Mikrosievert. Das darf man meines Erachtens nicht machen.

    Püschel: Die Schlüsselbeine werden nur geröntgt, wenn es um das Alter 21 Jahre geht, und dann liegt in der Regel eine juristische Anordnung dazu vor. Im Zusammenhang mit den Untersuchungen bei Flüchtlingen findet kein Röntgen der Schlüsselbeine statt. Da schmeißen Sie verschiedene Dinge in einen Topf.

    Montgomery: Dann ist die Auskunft des Senates in dieser Hinsicht also falsch. Ich halte die Röntgenaufnahmen bei Flüchtlingen grundsätzlich für falsch. Das ist etwas völlig anderes als die Altersbestimmung im Strafverfahren. Da haben wir eine ganz klare juristische Lage, ein Gericht kann das im Verfahren anordnen, wenn jemand versucht, unter den schützenden Schirm des Jugendstrafrechtes zu schlüpfen. Darum geht es hier aber nicht. Es geht hier lediglich um die Frage der Leistungsbewilligung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Ich finde, das ist einfach eine ärztliche Haltungsfrage.

    Püschel: Beim Thema Haltung mache ich die Fragezeichen genau in die andere Richtung. Wir Ärzte sind auch dafür da, für die Allgemeinheit zu arbeiten, nicht nur für den Einzelnen. Wenn aus der Allgemeinheit heraus, über Behörden zum Beispiel, das Bedürfnis geäußert wird, die Menschen einzuordnen nach ihrem Alter, dann ist das für mich eine Aufgabe, die wir mit der bestmöglichen Qualität lösen müssen.

    ohne Worte °_O

  13. taz-> Untersuchungen sind Fall für Karlsruhe

    Genitaluntersuchungen von Flüchtlingen, um ihr Alter festzustellen? Das verletzt die Menschenwürde, sagt eine Anwältin und legt Verfassungsbeschwerde ein.

    KARLSRUHE dpa | Die umstrittenen medizinischen Untersuchungen jugendlicher Flüchtlinge zur Altersfeststellung sind ein Fall für das Bundesverfassungsgericht.

    Eine Freiburger Rechtsanwältin hat dagegen Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingelegt, wie sie der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch sagte. Sie sieht in den Röntgen- oder Genitaluntersuchungen eine Verletzung der Menschenwürde.

    Mit den medizinischen Verfahren soll festgestellt werden, ob die jungen Flüchtlinge minderjährig sind, wenn sie ohne Eltern und Papiere nach Deutschland kommen. Die Klärung dieser Frage ist für die Behörden von großer Bedeutung: Während volljährige Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Erstaufnahmeheime kommen, kümmern sich Jugendämter, Pflegefamilien und Heime um Minderjährige – was deutlich aufwendiger und teurer ist.

    Die Anwältin vertritt einen jungen Gambier, der unbegleitet aus dem westafrikanischen Staat nach Deutschland geflüchtet ist. In Freiburg wurde sein Handgelenk geröntgt, um sein Alter feststellen zu können. Er selbst gibt sein Alter mit 17 Jahren an. Der Untersuchung zufolge war er jedoch volljährig.

  14. taz-> Auf sich allein gestellt

    Derzeit in Berlin ankommende Jugendliche müssen bis Mai oder Juni auf ihren Termin bei der Senatsverwaltung warten. … Wer während des Wartens auf den Termin mit der Jugendverwaltung 18 Jahre alt wird, ist nicht mehr in der Obhut des Senats und muss sich wie erwachsene Flüchtlinge beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) registrieren lassen. Eine Folge: noch mehr Verantwortung für sich selbst und noch weniger Betreuung.

  15. Der Freitag, Josephine Schulz-> Noch ein Trauerspiel

    Am Bahnhof von Fürstenwalde kennt Yusuf jeden. Wenn er mit seinem Fahrrad eine Runde dreht, grüßt ihn der Imbissbesitzer, im kurdischen Dönerladen bezahlt er den Freundschaftspreis, und die Mitarbeiter im Kiosk fragen ihn, wann er mal wieder auf einen Tee vorbeikommt. „Fürstenwalde ist meine Stadt. Hier möchte ich bleiben“, sagt der 17-jährige syrische Kurde. Für seine Zukunft in der brandenburgischen Kleinstadt hat er konkrete Pläne. Die zwölfte Klasse muss er schaffen, dann kann er die Ausbildung machen und Polizist werden.

    Wenn Yusuf über seine Freunde in Fürstenwalde erzählt, über die Lehrer oder darüber, wie er manche Regeln kreativ auslegt, um auf eine Party zu gehen, klingt er wie ein ganz normaler Teenager. Aber es gibt auch die anderen Momente. Die, in denen er nicht schlafen kann, beim Geräusch von Sirenen zusammenzuckt oder ausrastet, wenn er angeschrien wird. „Manchmal kriege ich die Bilder aus Syrien nicht aus meinem Kopf.“ Yusuf hat es nach monatelanger Flucht, nach Internierung in einem bulgarischen Gefängnis und Fußmärschen durch Serbien und Ungarn endlich nach Deutschland geschafft. Zusammen mit mehr als 70 anderen sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen lebt er jetzt in einem Kinderheim für Flüchtlinge. Die Zahl der allein reisenden Flüchtlingskinder ist in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen. In diesem Jahr kamen laut einer Aufstellung der Bundesländer schon fast 60.000 unbegleitete Jugendliche nach Deutschland. Einige unter ihnen sind nicht einmal zehn Jahre alt.

    Theorie und Praxis

    Flüchtling und Waise – in dieser Doppelrolle stehen die Jugendlichen zwischen zwei Rechtssystemen mit völlig gegensätzlichen Interessen. Auf der einen Seite die Jugendhilfe. Sie soll das Kindeswohl schützen und die Entwicklung der Jugendlichen fördern. Auf der anderen Seite Aufenthalts- und Asylrecht, die ganz anderen Zielen dienen – der Ordnungspolitik des Staates – und immer restriktiver werden.

    Auf dem Papier gilt für die unbegleiteten Minderjährigen das Primat des Kindeswohls. Unbegleitete Minderjährige sind gegenüber den erwachsenen Flüchtlingen bessergestellt. Sie erhalten Leistungen nicht nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern durch die Jugendhilfe, zudem sind sie vom Dublin-Abkommen ausgenommen und können vor ihrem 18. Lebensjahr nur unter sehr strikten Bedingungen abgeschoben werden. Kinder sollen – egal, woher sie kommen – in allererster Linie Kinder sein dürfen. Eigentlich.

    Auch in dem neuen Gesetz aus dem Familienministerium zur „Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder“, das seit Anfang November in Kraft ist, ist stets vom „Kindeswohl“ die Rede, angeblich steht es an oberster Stelle. Aber Theorie und Praxis gehen weit auseinander. Von echtem Schutz und Förderung kann vielerorts keine Rede sein, auch die aktuellen Verschärfungen im Asylrecht treffen die Minderjährigen massiv.

    Das neue Gesetz regelt, dass die Kinder wie Erwachsene nach einem speziellen Schlüssel auf die Bundesländer verteilt werden. Vorher blieben sie in der Regel dort, wo sie ankamen. „Das bisherige Gesetz war nicht für die heutige Krise ausgelegt“, sagt die Familienministerin Manuela Schwesig (SPD). Aus München kamen seit Monaten Beschwerden, dass man keine Unterbringungsmöglichkeiten für die Kinder mehr habe, keine Sozialarbeiter, nicht genügend Dolmetscher, Psychologen, Jugendamtsmitarbeiter und Schulplätze. Ähnlich lauteten die Klagen aus Hamburg, Bremen und Berlin. Der linke Bundestagsabgeordnete Norbert Müller hält die Probleme jedoch für hausgemacht. „Die Jugendhilfe steht schon jetzt in vielen Teilen des Landes vor dem Kollaps, und zwar nicht, weil wir unbegleitete Minderjährige aufnehmen, sondern weil es über Jahre eine chronische Unterfinanzierung der sozialen Infrastruktur gegeben hat.“

    Nach dem neuen Gesetz sollen die Kinder am Ankunftsort vom Jugendamt vorläufig in Obhut genommen werden. In einem Schnellverfahren wird dann geprüft: Wie alt ist das Kind? Gibt es Verwandte? Spricht die körperliche oder psychische Verfassung gegen ein Weiterschicken? Dann werden die Kinder auf die Bundesländer verteilt. Das Problem: Bundesweit gibt es nur wenige Jugendämter, die Erfahrung mit Flüchtlingen haben. An dem neuen Ort kann die Situation für die jungen Flüchtlinge noch schlechter sein. Für die Länder und Kommunen bleibt keine Zeit, die nötigen Strukturen aufzubauen. Und woher die Fachkräfte so schnell kommen sollen, weiß auch niemand. Die bayrische CSU-Wirtschaftsministerin Ilse Aigner hat nun bereits gefordert, die Standards für minderjährige Flüchtlinge zu senken.

    Doch es gibt nicht nur personelle und finanzielle Schwierigkeiten. Auch die Jugendämter selbst haben eine problematische Doppelrolle, gerade in den Schnellverfahren. Als provisorische Vertreter des Kindes sollen sie dessen Interessen vertreten, als Behörde sind sie hingegen an einer zügigen Fallbearbeitung und Weiterleitung interessiert. „Im Zweifelsfall muss ein Mitarbeiter des Jugendamtes das Kind gegen die eigene Behörde vertreten. Da sind Interessenkollisionen natürlich programmiert“, sagt Tobias Klaus vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF), in dem sich mehrere Vereine und Organisationen aus der Flüchtlingsarbeit zusammengeschlossen haben.

    Der Verband kritisiert auch die neuen Regelungen im Asyl- und Aufenthaltsrecht. „Damit wird die Integration von Jugendlichen aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten faktisch unmöglich“, erzählt Klaus. Der Zugang zu Ausbildung und Job werde für diese Jugendlichen extrem erschwert.

    Abruptes Ausbildungsende

    In Fürstenwalde leitet Detlef Schlingelhof das Heim für Flüchtlingskinder. „Die Unsicherheit über ihre Zukunft in Deutschland macht sich bei allen Kindern bemerkbar“, sagt er. Shehu aus Benin beispielsweise hat große Angst, dass er in einigen Jahren zurückgeschickt wird. „In meinem Land gibt es keine Bomben und keinen Krieg. Deshalb darf ich vielleicht nicht in Deutschland bleiben“, sagt er. „Aber vielleicht, wenn ich sehr gut Deutsch lerne.“ Der 15-Jährige wurde in seinem Heimatland von der eigenen Familie gefoltert, weil er nicht zum Christentum konvertieren wollte.

    Besonders schwierig wird es für die Jugendlichen, wenn sie volljährig werden. Dann greift plötzlich die ganze Härte des Aufenthalts- und Asylrechts. Schlingelhof erlebt immer wieder, wie die Jugendlichen sein Heim nach dem 18. Geburtstag verlassen müssen. „Für die Jugendlichen, die sich etwas aufgebaut haben und schon sehr selbstständig sind, ist das ein enormer Rückschritt, wenn sie wieder zurück in eine Sammelunterkunft müssen und ihre Ausbildung nicht fortsetzen können.“ All die Integrationsbemühungen werden plötzlich ausgebremst.

    Auch wenn immer wieder vom Primat des Kindeswohls die Rede ist: Jugendhilfe, Schutz und Integration der Kinder passen einfach nicht zu einem Asylrecht, das auf Abschottung und die Unterscheidung von „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen setzt. …

    Darunter Kommentare, anhand derer einmal mehr demonstriert wird, warum ich beim Freitag nichts mehr verloren habe.

  16. Guardian-> 10,000 refugee children are missing, says Europol

    At least 10,000 unaccompanied child refugees have disappeared after arriving in Europe, according to the EU’s criminal intelligence agency. Many are feared to have fallen into the hands of organised trafficking syndicates.

    Brian Donald said 5,000 children had disappeared in Italy alone, while another 1,000 were unaccounted for in Sweden. He warned that a sophisticated pan-European “criminal infrastructure” was now targeting refugees. “It’s not unreasonable to say that we’re looking at 10,000-plus children. Not all of them will be criminally exploited; some might have been passed on to family members. We just don’t know where they are, what they’re doing or whom they are with.”

    “Whether they are registered or not, we’re talking about 270,000 children. Not all of those are unaccompanied, but we also have evidence that a large proportion might be,” said Donald, indicating that the 10,000 figure is likely to be a conservative estimate of the actual number of unaccompanied minors who have disappeared since entering Europe.

    In the UK the number of children who disappear soon after arriving as asylum seekers has doubled over the past year, raising fears that they are also being targeted by criminal gangs.

    Mariyana Berket, of the Organisation for Security and Cooperation in Europe (OSCE), said: “Unaccompanied minors from regions of conflict are by far the most vulnerable population; those without parental care that have either been sent by their families to get into Europe first and then get the family over, or have fled with other family members.”

    Donald confirmed Europol had received evidence some unaccompanied child refugees in Europe had been sexually exploited. In Germany and Hungary, the former a popular destination country for refugees and migrants, with the latter an important transit state, large numbers of criminals had been caught exploiting migrants, he said. “An entire [criminal] infrastructure has developed over the past 18 months around exploiting the migrant flow. There are prisons in Germany and Hungary where the vast majority of people arrested and placed there are in relation to criminal activity surrounding the migrant crisis,” said Donald.

    The police agency has also documented a disturbing crossover between organised gangs helping to smuggle refugees into the EU and human-trafficking gangs exploiting them for sex work and slavery.

  17. Am Wochenende ging in Roms Hauptbahnhof Termini eine Polizeiaktion zu Ende, die zur Ergreifung eines mutmaßlichen seriellen Pädokriminellen führte. Der 52-jährige us-amerikanische Staatsbürger habe zum Zweck der Missbrauchstaten eine separate Wohnung in Bahnhofsnähe angemietet und dorthin Kinder und Kugendliche ua. mit dem Versprechen einer warmen Mahlzeit gelockt.
    Darüber, was die ital. bzw. die nationalen Einrichtungen bisher getan haben, um der ausbeutbaren Not der potentiellen Opfer abzuhelfen oder vorzubeugen, war in den online-Medien nichts zu lesen. Gleiches gilt für die mittlerweile in die Hunderte gehenden „Saisonarbeiter“ jeden Alters, die in den Händen v.a. der ‚Ndrangheta Ernearbeit leisten, die mit moderner Sklaverei nur ungemügend beschrieben ist.

  18. Pingback: Heucheln für Fortgeschrittene – Die Ausrufer

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